Hausbesuch Europa: Eine Idee als Gesellschaftsspiel

| Foto: Territory Festival

Man nehme einen Tisch, 15 Stühle und Tassen, einen Backofen und eine Steckdose. Siehe da: einen Abend lang Europa zuhause. An verschiedenen Terminen vom 8. November bis zum 16. Dezember wird es dafür in Mülheim an der Ruhr und in Essen an privaten Haustüren klingeln. Einer der Quasi-Fremden fragt dann Dinge wie „Wer am Tisch war schon mal Klassensprecher?“ oder „Wer am Tisch hat eine Arbeit, von der er oder sie leben kann?“. Nein, niemand ist hier im falschen Film - sondern beim Hausbesuch Europa.  

Geschrieben wurde das Ganze vom Rimini Protokoll, einem Autoren-Regie-Trio aus Berlin, das mit seinen Ideen in unterschiedlichen Bereichen auftritt. Das Ziel: neue Blickwinkel aufzeigen und so ungewöhnliche Sichtweisen ermöglichen. Die Inszenierung richtet sich „im Grunde an alle, die sich für unser Miteinander interessieren“, so Tobias Fritzsche, Pressesprecher des Ringlokschuppens. In Kooperation mit dem Ringlokschuppen, der seinen Sitz in Mülheim hat, und der Mercator Stiftung kommt Europa im Koffer auch ins Ruhrgebiet. Diesmal soll idealerweise in Mülheim an der Ruhr und in Essen gespielt werden. Bei Gastgeberbewerbungen sähen sie es „nicht ganz so streng“. Es ist „ein Gesellschaftsspiel im besten Sinne“. Besonders spannend werde es, wenn ganz verschiedene Menschen aufeinander treffen. Deshalb gibt es keine Altersbeschränkung oder ähnliches.

Wer wird Wirt?

Das Umfeld der Inszenierung sei bewusst kein Theatersaal, sondern verbunden mit gegenseitigem Besuchen, egal, ob als Gast oder als Hausherr. „Gastgeber sein ist spannend und es braucht nicht viel.“ Die Stühle müssen nicht einheitlich sein, zusammengewürfelt ist auch in Ordnung – „ein bisschen wie Europa eben“, scherzt Fritzsche. Wer den Hausbesuch empfängt, darf zwei Gäste umsonst selbst einladen und einen Wunschtermin äußern. Den können dann elf reguläre Besucher wahrnehmen. So kommt man insgesamt auf 15 Teilnehmer. Um 19 Uhr fällt der Startschuss, circa zwei Stunden später werden die Ergebnisse gesammelt. Karten für die Gäste gibt es für 16 Euro (8 Euro ermäßigt). Die müssen nur „Interesse, Neugier und Lust auf einen gemeinsamen Abend“ sowie „Interesse an der Zukunft Europas“ mitbringen, sagt Fritzsche. Vier Sprachen sind wählbar: deutsch, englisch, arabisch und französisch. Den genauen Ort erfahren alle Beteiligten spätestens eine Woche zuvor. 

Foto: Brett Bollier

Europa in Etappen

Der Ablauf ist in Spiellevel unterteilt, die jeweils mit einem wichtigen europäischen Vertrag korrelieren. Dazu stellt das Rimini-Protokoll einen Spielleiter, welcher von einem elektronischen Gerät unterstützt wird: ein „exotischer selbstgebauter Computer“, wie Fritzsche ihn nennt, druckt den ganzen Abend lang Bons aus, auf denen Spielanweisungen stehen. Die ersten drei Level spielt jeder allein, Level vier und fünf sind Teamarbeit. Mit wem man weiterstreitet, entscheidet sich in den ersten drei Stufen des Spiels. Das größte Stück des europäischen Kuchens, der bei Level drei in den Ofen kommt, erhält am Ende das Team mit den meisten Punkten. 15 Personen spielen also alleine und später in Teams verschiedene Spiele und lösen Rätsel. Dabei bleibt man demokratisch auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Damit umzugehen gilt es, genauso wie es in Europa darum geht. Im kleinen Rahmen wird eine abstrakte Idee ganz greifbar. Der Frage „Was ist Europa?“ gehen die Gäste einen Abend lang nach. Es geht um Überzeugungen und Prinzipien im Dialog mit Fremden. Ob beim Landkartenbemalen oder Kuchenbacken, das Miteinander und Gegeneinander sollen sich Gehör verschaffen.

Dokumentation und Archivierung der Ergebnisse

Ergebnisse alter Hausbesuche zeigen ein spannendes Bild der Einstellung zu den Mitmenschen und Europa. Man kann sie auf einer interaktiven Karte auf homevisite.europe.org auswählen und wird mit den Ergebnissen der Abende vertraut gemacht. Die Ziele, die die Teilnehmer beschließen konnten, werden dort auch aufgeführt. Ob nun eine Grenze errichtet oder eingerissen werden sollte, die Gruppe bestimmt. Genauso ob und wie ein europäisches Problem gelöst werden könnte. 

Foto: Pigi Psimenou
Foto: Pigi Psimenou

Hausbesuch International

Aufmerksamen, die diese Karte der ehemaligen Aufführungsorte sorgsam studieren, werden auch Städte und Länder begegnen, die nicht in Europa liegen. Was will die europäische Idee zum Beispiel in Rio de Janeiro oder Kairo? Tatsächlich wird unter den Projekten des Rimini-Protokolls ein extra Unterpunkt „Hausbesuch USA“ gelistet. Ebenso seit diesem Jahr „Home Visit: Brasil em casa“, das brasilianische Pendant. Hierbei handele es sich um „Weiterentwicklungen und Adaptionen der ursprünglichen Idee“, so Helgard Haug, ein Teil des Autoren-Regie-Trios Rimini-Protokoll. Dort stünde nicht Europa, sondern der jeweilige politische oder wirtschaftliche Staatenverbund im Mittelpunkt. Sogar innerhalb Europas würde für jeden Ort das Skript angepasst, da auch in Europa viel passiert ist seit der Prämiere 2015. Die Inszenierungen seien „sehr dynamische Gebilde“, vor allem auch weil bei jedem Abend neue Protagonisten am Tisch sitzen. Laut Anna Florin, Produktionsleitung der Inszenierung beim Rimini-Protokoll, soll der Hausbesuch  im nächsten Jahr vielleicht in Australien stattfinden. Ob es Expansionspläne im Ruhrgebiet gibt, hänge von der Zusammenarbeit mit anderen Theatern ab. Vielleicht auch dann wieder in Kooperation mit dem Ringlokschuppen. 

Foto: Pigi Psimenou

Termine

Mi 08.11. / Do 09.11. / Fr 10.11. / Sa 12.11.

Do 16.11. / Fr 17.11. / Sa 18.11.

Do 23.11. / Fr 24.11. / Sa 25.11.

Do 30. 11. / Fr 01.12. / Sa 02.12.

Do 07.12. / Fr 08.12. / Sa 09.12.

Do 14.12. / Fr 15.12. / Sa 16.12.

jeweils um 19 Uhr