Bunte Lücken: Nicholas Müller liest im Dortmunder U

Nicholas Müller ist deutschlandweit auf Lesetour. | Fotos (2): Lina Niermann

Nicholas Müller war Frontmann der Band Jupiter Jones, bis eine Angststörung ihn dazu zwang, auszusteigen. Über sein Leben mit der Krankheit hat er jetzt ein Buch geschrieben. „Ich bin mal eben wieder tot – Wie ich lernte mit Angst zu leben“ heißt der Titel. Anfang Oktober (3.10.) schaute der Sänger auf seiner Lesetour im Dortmunder U vorbei und brachte das Publikum wider Erwarten auch zum Lachen.

Der Kinosaal im Erdgeschoss des U-Turms ist abgedunkelt. Auf der Bühne steht ein hölzernes Pult mit Leselampe, im Hintergrund ein Skelett. Auf den ersten Blick wirkt alles ein wenig düster. Hier wird heute zwar kein neuer Gruselstreifen vorgestellt, aber um Angst geht es trotzdem. Um Panikattacken, die das Herz pochen und den Kopf hämmern lassen, um einen Körper, der nicht mehr gehorcht und um die Gewissheit, sterben zu müssen. Ein Abend über Todesangst, kann der überhaupt unterhaltsam sein? Er kann. Dass es bei der Lesung von Nicholas Müller nicht nur schwermütig zugeht, deutet schon die Leinwand an, auf der in großen Lettern flapsig das Wort „Nabend!“ prangt. 

Angst im Blick: Müller vor der Leinwand

Das Ende der Sorglosigkeit
Um 20 Uhr betritt ein leicht verschnupfter Nicholas Müller mit Gitarre die Bühne. Weil die Technik versagt, zieht er kurzerhand den Stecker des Verstärkerkabels und stellt sich mitten ins Publikum, um eine Akustik-Version von Spaceman Spiffs „Wände“ zu performen. Nicht umsonst hat der Sänger dieses Lied auch seinem Buch als Vorwort vorangestellt, ein Lied, das von Verzweiflung und Angst, aber auch von Neugierde und Mut handelt. Danach beginnt er in schnellem Tempo zu erzählen. Von seiner provinziellen Jugend in der Eifel, von Apfelwein und Cola und dem ersten Kuss am Lagerfeuer. Und davon, wie diese Sorglosigkeit ein jähes Ende findet, als seine Mutter an Krebs erkrankt und er mit ansehen muss, wie ihr Körper mehr und mehr zerfällt. In seiner Hilflosigkeit betäubt er sich mit Marihuana und flüchtet immer wieder von zu Hause. Später wird er sich schuldig fühlen, seiner Mutter vor ihrem Tod nicht beigestanden zu haben. Die erste Panikattacke überrollt ihn auf der Trauerfeier, danach folgen noch unzählige weitere. Als schließlich gar nichts mehr geht, lässt er sich in eine Psychiatrische Klinik einweisen.

Der Zauberberg
Nicholas Müllers Geschichte macht betroffen. Dass es nicht allein dabei bleibt, liegt vor allem daran, wie er sie erzählt. Die Klinik wird bei ihm zum Zauberberg, zum Schauplatz skurriler Momente zwischen Kunsttherapie und Gruppensitzungen. So berichtet er zum Beispiel von seinem Kumpel Peter, der sich aus Angst in einem Rollstuhl herumschieben lässt, obwohl er eigentlich laufen kann. Oder von Pascal, der, wenn er gerade nicht unter seinen Depressionen leidet, Seminare anbietet, in denen Städter versuchen, ihr Totemtier zu finden. Bei der Lesung merkt man, dass ein Wortartist am Werk ist. Der Songtexter schreibt schonungslos direkt und dabei  in so plastischen Bildern, dass jeder die Panik nachempfinden und gleichzeitig über die Absurdität der Situation lachen kann. Müllers freches Mundwerk und seine musikalischen Einlagen sorgen für Entspannung bei aller Ernsthaftigkeit des Themas. Mit seiner offenen Art macht er anderen Betroffenen Mut, sich nicht zu schämen, sondern sich bei Bedarf professionelle Hilfe zu suchen. Seine Tochter Lene gibt ihm Zuversicht: „Sie hat mir beigebracht, dass das Leben auszukosten ist. Sie klettert einfach auf Bäume, während ich mir Sorgen mache, dass sie dabei gepfählt werden könnte.“ Und davon spricht der Sänger eben auch, von den hellen Tagen des Lebens, von den bahnbrechend schönen Momenten, die er „bunte Lücken“ nennt. Lina Niermann

Nicholas Müller: Ich bin mal eben wieder tot – Wie ich lernte, mit Angst zu leben
Droemer Knaur, 272 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-426-78918-6