Kultur statt Klümpchen: Blaue Bude in Dinslaken

Gilbert Kuczera vom Forum Lohberg organisiert das Programm im Büdchen. | Foto: Dominique Schroller

Einst Schaffnerhäuschen, dann Trinkhalle, nun Kultur-Treffpunkt. Die Blaue Bude in Dinslaken-Lohberg soll den Stadtteil bewegen, sich zu bewegen. Dort trifft Geschichte auf Gegenwart, Kunst auf Arbeitsalltag.

Ich bin einer von Wir – steht in bunten Buchstaben über dem Eingang zur Blauen Bude. Der Satz beschwört die Gemeinschaft der Kumpel unter Tage und steht gleichzeitig für den Einsatz der Lohberger, den Kiosk von einst wiederzubeleben. Klümpchen und Knickerwasser hat der zwar (noch) nicht zu bieten, dafür aber Geschichte und Geschichten. „Wir möchten die Menschen zusammen bringen und zeigen, warum sie genau so ticken“, sagt Programm-Organisator Gilbert Kuczera. Der 69-Jährige möchte Leben in die Bude bringen. Gemeinsam mit den Vereinen aus dem Viertel lässt er die 50er-Jahre kurz aus der Historie auftauchen, als es das Größte war, auf einen Käfer zu sparen und einmal nach Italien zu fahren oder die 60er, als der Rock `n Roll Richtung Schacht rollte und die ersten Bergmänner samt Tolle und Schlaghose zur Schicht kamen. „Die jüngeren Leute sollen hier die Erlebnisse der Älteren hören und die Generationen miteinander in Kontakt kommen“, sagt Gilbert Kuczera. Er engagiert sich ehrenamtlich und aus Leidenschaft. „Weil ich das Ruhrgebiet liebe und einen guten Kontakt zu den Jugendlichen habe.“ Gemeinsam mit ihnen hat er auch den Schriftzug über der Tür gestaltet. „Das hat eine Identifikation geschaffen. Sie achten nun mit darauf, dass die Buchstaben nicht beklebt oder beschmiert werden.“

Lakritze und Knickerwasser

Besonders wichtig ist ihm jedoch, dass sie erkennen, was den Pott im Innersten zusammen hält. Das Rennpferd des kleinen Mannes darf dabei nicht fehlen. In der Blauen Bude bleiben die Taubenzüchter keineswegs unter sich. „Für die Tiere interessieren sich beispielsweise auch Jugendliche mit syrischen und marokkanischen Wurzeln, da sie das aus ihrer Heimat kennen.“ So entstehen ungewöhnliche Begegnungen und neue Verbindungen im Viertel. „Die Menschen ins Gespräch zu bringen, das ist unser Ziel“, betont Gilbert Kuczera.

Noch ist nicht alles fertig: Eine Kaffeemaschine fehlt noch und auch der Boden soll noch erneuert werden. Doch die Neugier ist bereits groß. „Immer wenn wir hier aufbauen, bleiben die Leute stehen und wollen wissen, was jetzt hier los ist.“ Denn die Blaue Bude ist seit den 20er-Jahren ein zentraler Treffpunkt in Lohberg. Zunächst diente sie als Schaffnerhäuschen der ersten Straßenbahn, mit der die Kumpel zur Schicht fuhren.

In den 50er-Jahren entwickelte sich das Häuschen an der Zechenmauer zum Kiosk. Dort gaben die Bergmänner ihre hart verdiente Kohle aus, Klatsch und Tratsch machten die Runde. „Was heute Facebook ist, war damals das Büdchen. Man traf sich an der Trinkhalle – auch wenn man eine Leiter brauchte oder eine Stelle suchte. Es war der Kommunikationspunkt“, berichtet Gilbert Kuczera. Er hat selbst noch süße Erinnerungen an diese Zeit. „Wenn wir zum Schwimmbad gingen, haben wir uns eine Stange Lakritz gekauft, in die Flasche Wasser reingetan und geschüttelt – das war lecker.“ Auf dem Weg zum Fußball kam Friedrich Everling regelmäßig an der Hünxer Straße 422 vorbei und nahm für fünf Pfennig Leckereien aus allen Gläsern mit. „Früher war das eine einfache Bretterbude, wo es Knickerwasser gab. Das war Wasser mit Natron und Essig als Ersatz für das teure Selters. Das schmeckte ganz gut.“ Jeanette Rauch kann da nicht mitreden. Als sie 1999 nach Lohberg kam, waren die Tage der Trinkhalle vorbei – weil sie keine Toilette hatte. Das Büdchen verfiel. „Dann hatte die Kölner Künstlerin Britta L.QL. die Idee, daraus ein Kunsthäuschen zu machen.“ Statt Bier und der gemischten Tüte gab es dort rund um das Kulturhauptstadt-Jahr Ausstellungen, Film-Abende, Lesungen und Konzerte.

Kreativität verschwand

Doch im Oktober 2013 verschwand die Kreativität aus dem Kiosk und er blieb sich selbst überlassen. Bis das Unternehmernetzwerk Wirtschaft vor Ort und das Forum Lohberg den historischen Treffpunkt für sich entdeckten. „Damals war eine Sanierung schon nicht mehr möglich. Also haben wir Geld für einen Neubau gesammelt“, berichtet Jeanette Rauch aus dem Vorstand des Forum Lohberg. Sie ist zuversichtlich, dass das neue Konzept eine Zukunft hat. „Es ist ein toller Ort, der sich gut zum Selbstläufer entwickeln könnte.“ Bouleturniere seien dort ebenso vorstellbar, wie interkulturelle Nachmittage oder ein Poetry Slam. Das aktuelle Angebot soll die Leute an die Bude locken und auf neue Ideen bringen. Es lässt Bergmannsgeschichten bei Schmalzstulle und Muckefuck wieder aufleben, bringt die Lieblingsgerichte der ersten Einwanderer auf den Tisch, den Hippiekult zum Schacht oder das Steigerlied zum Klingen. „Wir sind sicher der kleinste Konzertsaal Deutschlands, doch die Akustik ist besser als in der Elbphilharmonie“, betont Gilbert Kuczera. Viele Referenten und Künstler kommen aus dem erweiterten Freundeskreis und verzichten auf jede Gage. Denn der Verein ist immer knapp bei Kasse. „Doch wir jammern nicht, wir packen an. So sind die Ruhris.“  Dominique Schroller

Blaue Bude: Hünxer Straße 42, Dinslaken