Ruhrtriennale: freitagsküche mit Ex Machina / Robert Lepage

Der Magier Robert-Houdin | Foto: Ursula Kaufmann, Ruhrtriennale 2013

Den „Klugscheißern“ hat Robert Lepages zweiter Teil von „Playing Cards“ nicht gefallen. Die Motive seien zu simpel, die Figuren Klischee. Die Perfektion mit der Lepage die einzelnen Handlungsstränge miteinander verknüpft, der stetige Wechsel der Rollen und Spielplätze, das beeindruckt schon. Und doch fragt sich die FAZ (!) „was derart altmodisches Theater auf der Ruhrtriennale verloren hat." „Ist doch egal,“ hätte die Hauptfigur Chaffik ihnen geantwortet, „Hauptsache, es ist gut.“

„Playing Cards – Hearts“ lebt von seinen Tricks und Kniffen. Der Filmemacher Robert Lepage wendet Montage-Techniken auch in seinen Theaterstücken an, jeder Bild- und Szenenwechsel geht ineinander über. Das Taximeter des französischen Magiers und Mechanikers Jean-Eugène Robert-Houdin, blendet aus dem 19. Jahrhundert rüber ins 21. und öffnet die Bühne für den taxifahrenden Chaffik. Das Bombenattentat algerischer Befreiungskämpfer ist gleichzeitig der noch chemisch hergestellte Blitz einer Lochkamera und das filmische Experiment von Georges Méliès.

Seine sieben Schauspieler lässt Lepage ständig die Rollen wechseln, in Klappen im Boden oder Brunnen auf der Bühne verschwinden. All das auf einer runden Bühne, einsehbar von allen Seiten. So wird die Illusion immer wieder von der Realität eingeholt. Altmodisch ist das Stück damit nicht.

Landlust und Folkmusic

Requisite und Bühnenbild ist bei „Hearts“ nur spärlich vorhanden. Der ständige Rollenwechsel, die Besetzung einer weiblichen Rolle durch einen Mann und nicht zuletzt die Form der Bühne machen immer wieder deutlich, hier wird gespielt. Der Wunsch nach etwas mehr Magie und Wärme anstelle von nackten, kalten Bildern hingegen ist ein Trend, der sich in gesellschaftlich in Phänomenen wie Landlust lesen, Tatort gucken und Folkmusic hören, schon längst wiedergefunden hat. Gut möglich, dass das Theater früher oder später auch davon eingeholt wird.

„Georges Méliès setzte die Form vor den Inhalt, erst überlegte er sich den Rahmen seines Films, dann die Handlung und erst zuletzt die Charaktere,“ so heißt es sinngemäß in der gespielten Film-Vorlesung des Stücks. Es scheint, als habe Lepage hier die Werksgeschichte zu seinem Stück gleich mit eingewebt. Erst kam die allseits bewunderte Form, dann die Handlung und zuletzt die Figuren. Erzählt wird fesselnd wie in einem Roman. In jedem Kapitel wechselt die Perspektive, Raum und Zeit. Und doch sind alle Stränge miteinander verwoben und mit Spannung wartet man darauf, wie? Wie geht das Leben der Charaktere weiter und wie hängen die einzelnen Schicksale zusammen? Viereinhalb Stunden lang funktioniert dieser Spannungsbogen so gut, dass kaum Unruhe aufkommt.

Klischees und gut gepflegte Vorurteile

An letzter Stelle hat Lepage tatsächlich die Charaktere gesetzt und sich flink in der Klischeekiste bedient. Der Einwanderersohn fährt Taxi, damit Vater und Großmutter nach Mekka können. Sobald mehr als drei Marokkaner oder Algerier zusammenkommen wird getanzt und gesungen, während in der weißen, kanadischen Oberschicht Leistungsdruck, Misstrauen und Kälte dominert.

An anderer Stelle wird mit Klischees gespielt, wenn Chaffik von einem Französischen Reporter gefragt wird, was die Unruhen in Nordafrika für ihn als Algerier bedeuten und mit dieser Frage so gar nichts anfangen kann. Schließlich ist er in Quebec geboren und aufgewachsen, dachte sein Leben lang, seine Eltern kämen aus Marokko, dabei war es Algerien. Davon abgesehen ist es doch schön, wenn der deutsche Bildungsbürger seine gut gepflegten Vorurteile im Theater serviert, plötzlich empört als Klischee entlarven kann.

Der Applaus nach dem Stück fiel jedenfalls großzügig aus und holte die Schauspieler immer wieder auf die Bühne. Auch die anschließende Freitagsküche war noch gut besucht. Nachdem mithilfe von Taschenlampen das dunkle Zollverein-Gelände überquert war, gab es passend zum Stück Cous Cous mit Gemüse, Hähnchen und Joghurt-Sauce. Lepages Truppe machte aus ihrem vier Stunden Auftritt lässig einen über sechsstündigen, indem sie vollzählig zu Tisch erschien und entspannt mit den Gästen den Abend ausklingen ließ.

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