Ruhrtriennale: freitagsküche mit Robert Wilson

| Foto: Julian Mommert

Auf Spurensuche

Was passiert, wenn man eine absolute „Opernjungfrau“ in Helmut Lachenmanns Inszenierung Das Mädchen mit den Schwefelhölzern – Musik mit Bildern steckt? Am Freitag trat ich das Experiment ganz kühn an. Das Fazit: Die Opernjungfrau wäre am liebsten während des Stückes gegangen und fragte sich: „Warum bin ich offensichtlich die Einzige, die dem Ganzen nichts abgewinnen kann?“ Ich begebe mich auf Spurensuche.

Alle springen auf. Klatschen ekstatisch. Hörbar jubelt eine Frau „Bravo, Bravo!“. Dem Publikum in der Jahrhunderthalle Bochum hat das Stück gefallen. Ich hingegen bin ratlos. Ratlos darüber, warum ich so gar nicht mit der Musik, die sich aus Klanggeräuschen und Wortfetzen zusammensetzte, warm werden wollte. Ratlos darüber, was mir die Mehrheit der Szenen sagen sollten. In der Kunst geht es nicht darum, alles bis in das kleinste Detail nachvollziehen zu können – gerade der Spielraum für Assoziationen macht sie vielseitig und spannend. Ich allerdings erhoffe mir von einer künstlerischen Darbietung, dass sie mich bewegt; mich zum Lachen, Weinen, Innehalten, zu einer Gefühlsäußerung bringt. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern hingegen hinterließ bei mir nur Anstrengung und Langeweile. Doch woran mag das gelegen haben? Lachenmann ist ein bekannter und gefeierte Komponist. Angela Winkler, in der Rolle des Mädchens mit den Schwefelhölzern, eine erfahrene und unglaublich junggebliebene Schauspielerin. Die Dame ist immerhin 69 Jahre alt! Robert Wilson, der Regie führte, das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Leitung von Emilio Pomàrico – sie alle sind Experten auf ihrem Gebiet. Besonders Wilson, der nicht nur für die Regiearbeiten zuständig war, sondern auch das Bühnenbild und Lichtdesign entworfen hat, war omnipräsent an diesem Abend. Nur logisch, wo er ebenso die männliche Hauptrolle mimte. Alles in allem also eine vielversprechende Zusammensetzung.

Foto: Lucie Jansch

Für mich aber zogen sich manche Passagen der Inszenierung unerträglich lang, streckenweise wurde nämlich nur im Zeitlupentempo agiert, ich sehnte mir unwillkürlich einen schnellen Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern herbei. Bei dessen Anblick wiederum, so ganz in weiß gekleidet, weiß geschminkt und mit einer merkwürdigen Föhnfrisur versehen, beschlich mich das Gefühl, der Kostümbildner hätte sich vorher noch einmal Dark Shadows zu Gemüte geführt. Als ich Wilsons optische Erscheinung unter die Lupe nahm, gingen schließlich völlig die Pferde mit mir durch. Die dunklen, zurückgegelten Haare, der schwarze Glitzeranzug, das leichenblasse Gesicht und die statische Art der Performance. Ich sah plötzlich Till Lindemann von Rammstein im Bühnenraum stehen.

Mögen oder nicht mögen, das ist hier die Frage

Ich möchte mir gar nicht anmaßen, das Stück in all seinen Facetten zu bewerten. Ich habe keine Vergleichswerte, keinerlei Hintergrundwissen. Im Gegensatz zu manch anderem Besucher waren mir nicht sämtliche Lebensläufe der Mitwirkenden geläufig.

Dass während der Aufführung Texte von Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci verwendet wurden, fiel mir nicht auf. Erst das dicke Programmheft enthüllte mir dies. Mich beschleicht immer mehr das Gefühl, dass es an mir liegen muss. An mir, dem unwissenden Kulturbanausen, der dieses Meisterwerk einer völlig innovativen „Oper“ nicht begriffen hat. Dieser Eindruck erhärtet sich noch mehr in der anschließenden Freitagsküche. Eine Dame am Tisch, die sichtlich angetan ist von dem Stück, fragt mich nach meiner Meinung. Als ich ihr eröffne, dass ich so gar nichts damit anfangen konnte, weiten sich ihre Augen verwundert und sie sagt: „Vielleicht hängt das von der Tagesform ab? Vielleicht hatten Sie heute einen schlechten Tag? Aber man darf ein Stück ja auch nicht mögen“. Sie lächelt, aber ich merke ihr an, dass sie eigentlich überhaupt nicht verstehen kann, warum mich die Darbietung nicht überzeugt hat. Deswegen lächle ich freundlich zurück und belasse es dabei. Es muss so sein: Irgendetwas stimmt nicht mit mir . . . Einen Tag nach Aufführung und Freitagsküche lässt es mir keine Ruhe. Ich durchforste das Internet nach Rezensionen. Der Grundtenor: größtenteils sehr positive Resonanzen.

Ich gebe mich geschlagen, da fällt mir ein Satz des Dramaturgen ein, der uns bei der Freitagsküche Gesellschaft leistete: „Es geht bei dem Stück gar nicht darum, hinter allem einen Sinn zu sehen oder zu suchen.“ Mit der Wahrnehmung und dem eigenen Geschmack stellt es sich genauso dar. Dem Großteil der Besucher gefiel das Stück - mir eben nicht. Ein Umstand, für den ich mich nicht schämen muss.

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