Quadriennale 2014: Ein erster Ausblick und viele Probleme

Von Außen nach Innen und wieder zurück

Sie hat noch nicht einmal begonnen, da gilt ihr Ende bereits als ausgemachte Sache: die Quadriennale. Dabei schien das Festival der Bildenden Kunst zunächst einmal so gut zur NRW-Kapitale zu passen. Events sind in der Landeshauptstadt gefragt – und funktionieren in aller Regel. Für die ersten beiden Ausgaben der Quadriennale, die 2006 und 2010 über die Bühne gingen, darf das nur eingeschränkt gelten.

Viel wurde gemurrt. Über Schnellschüsse. Über Mottos, die an den Haaren herbeigezogen wirkten. Auch ein künstlerischer Leiter wurde lautstark vermisst. Den hat man nun zur dritten – und vermutlich letzten – Ausgabe gefunden und engagiert. Dr. Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstwissenschaft und Medienphilosophie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Der Kapitän des Quadriennale-Dampfers ist mittlerweile allerdings schon wieder von Bord. Bereits Ende August hatte er seinen Rücktritt erklärt. „Aus persönlichen Gründen“, wie es seinerzeit hieß. Bei derart knappen Erklärungen wird die Journaille natürlich hellhörig. Näheres zum Abgang von Dr. Ullrich war allerdings auch beim heutigen Pressetermin im KAI10 nicht in Erfahrung zu bringen.

Ullrich war jedenfalls nicht da, so viel ist mal sicher. Sonst aber war so ziemlich alles gekommen, was Beine hat und etwas von Kunst zu verstehen meint. Schon am Eingang zum Ausstellungsraum im Medienhafen knubbelte es sich. Der Innenraum ließ an ein Werk des Mönchengladbachers Gregor Schneider denken: „Weiße Folter“. Weiß die Wände. Weiß die Stehtische. Weiß der Boden. Weiß die zahlreichen Klappstühle. Um letzteren Platz zu machen, mussten die Kunstwerke der aktuellen KAI10-Schau „Collagierte Skulpturen“ kurzerhand an den Rand des Raums umziehen. Hohe Fenster auf der Rückseite des Gebäudes gaben den Blick frei auf das Hafenbecken. Jenseits des Wassers prangen immer noch die „Flossis“ an einer Hausfassade. Die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, sollte hier nur eine Antwort kennen.

Das würden die Leiter der Düsseldorfer Museen vermutlich nicht anders sehen. Beat Wismer schlendert tiefenentspannt durch den weißen Raum. Gregor Jansen hält noch einen kurzen Plausch. Und die Kollegin zur Linken hat eine dringende Frage: „Wo gibt es denn die schönen Taschen?“ Die Farbe sei ja toll. Die Farbe ist lila. Daran hat sich nichts geändert. Auch Hans-Georg Lohe, seines Zeichens Kulturdezernent der Stadt Düsseldorf und Geschäftsführer der städtischen Tochter Quadriennale GmbH, ist zugegen. Er spricht die einleitenden Worte. Als er die 13 beteiligten Häuser der Quadriennale aufzählt, sieht eine Kollegin in grüner Bluse ihren persönlichen Zeitplan ins Wanken geraten: „Wie lange dauert denn die Veranstaltung heute?“ fragt sie – und erntet daraufhin nicht zum letzten Mal an diesem Vormittag Gelächter.

Die Aussagen, die Lohe in seiner Einführung tätigt, erinnern an eine andere Branche: den Fußball. „Die Politik steht hinter der Quadriennale 2014“, sagt der Dezernent. Das klingt ähnlich glaubwürdig wie das Bekenntnis zu einem Trainer, der 15 Mal in Folge verloren hat. 4,2 Millionen Euro hat die Stadt für die dritte Festival-Ausgabe, die vom 5. April bis zum 10. August 2014 stattfindet, ausgegeben. Und natürlich will sie dafür anständige Zahlen sehen. Lohes klare Ansage: „250.000 Besucher sind die Zielsetzung.“ Die sollen aus der Region kommen, aus dem Ruhrgebiet, aus Köln, aber auch dem benachbarten Ausland, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg. Wählen können die Besucher dann unter 13 Ausstellungen, die allesamt unter dem Leitthema „Über das Morgen hinaus“ stehen. Man hätte auch sagen können Zukunft. Aber das wäre vermutlich zu einfach gewesen. Wenn es den Machern nachgeht, sollen die Kunstfreunde natürlich nicht nur ein Haus besuchen. Tagestickets werden zum Preis von 20, 2-Tages-Tickets zum Preis von 30 Euro angeboten. Aber auch im öffentlichen Raum soll sich einiges abspielen, wie Quadriennale-Geschäftsführerin Eckert-Schweizer betont: „Von Außen nach Innen und wieder zurück“, so die ideale Besucherbewegung.

Zu den Inhalten: Gut angenommen werden dürfte das Angebot im K20. Das Haus am Grabbeplatz greift unter der Überschrift „Der weiße Abgrund Unendlichkeit“ das Thema der weißen Flächen in den Werken von Kandinsky, Malewitsch und Mondrian auf. Für die Schau hat man Leihgaben aus ganz Europa zusammengezogen. Die sind auch der Grund dafür, dass die Ausstellung als einzige im Rahmen der Quadriennale nur bis zum 6. Juli zu sehen ist. Bedauernswert. Das Schwesterhaus am Schwanenspiegel widmet sich derweil den utopischen und antiutopischen Aspekten des Unterirdischen. Letzteres kann ebenso Schutz bedeuten wie klaustrophobische Furcht. Neben Werken von Jeff Wall, Bruce Nauman, Mike Kelley oder Martin Kippenberger wird in dem Rahmen auch Gregor Schneiders Installation „Kinderzimmer“ zu sehen sein, die über ein Abflussrohr zu erreichen ist. Und auch anderswo ist einiges los. Die Julia Stoschek Collection beteiligt sich mit einer Einzelausstellung der US-Amerikanerin Trisha Donnelly. Das Filmmuseum untersucht unter der Überschrift „Visionen und Alpträume“ die Stadt der Zukunft im Film. Und das einzige nicht auf Düsseldorfer Stadtgebiet gelegene Institut, die Langen Foundation, huldigt dem ZERO-Mitbegründer Otto Piene.

Und auch außerhalb der Museen wird ziemlicher Aufwand betrieben. Eigens für die Eröffnung hat man etwa eine Klanginstallation in Auftrag gegeben sowie ein neuartiges Musikinstrument entwickeln lassen. Das sogenannte Quadraphon. Mit dessen Hilfe geben Musiker, die auf den Dächern sämtlicher teilnehmenden Häuser platziert sind, am Abend des 4. April den musikalischen Startschuss zum Kunst-Marathon. Auch aus dem Erfolg der Nacht der Museen haben die Veranstalter ihre Lehren gezogen. Gleich zwei Quadriennale-Nächte werden im Laufe des Festivals stattfinden. Am 14.6. kooperiert man mit dem Open Source Festival. Dessen künstlerischer Leiter Philipp Maiburg wird ein musikalisches Programm kuratieren, das internationale Acts mit lokalen Helden aus dem Umfeld von Akademie, Single-Club und Salon des Amateurs zusammenbringt. Für den zweiten nächtlichen Programmpunkt zeichnet Jan Wagner von der Filmwerkstatt Düsseldorf verantwortlich. Er wird für den 31.5. einen Videoparcours durch die Altstadt zusammenstellen. In Etablissements, die sonst von Junggesellenabschieden heimgesucht werden, soll dann die Videokunst Einzug halten. Kuhstall und Sontaya Beach Club sind bereits angefragt, haben ihre Teilnahme aber noch nicht bestätigt. Ob sie Humor haben, wird die Zukunft zeigen. Und auch über das Fortbestehen der Quadriennale wird, so jedenfalls Hans-Georg Lohe, nicht vor August 2014 entschieden. Ist nach dem Festival vor dem Festival? In diesem Fall wohl eher nicht.

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