Tiefe Zweifel, Ängste und ein Brocken Wut

Gefragt: Schorsch Kamerun

Schorsch Kamerun ist Sänger der Politpunkband Die Goldenen Zitronen, betreibt gemeinsam mit Rocko Schamoni und anderen den Golden Pudel Club in Hamburg, schreibt Hörspiele, kuratiert Veranstaltungsreihen, unterrichtet an Kunsthochschulen und inszeniert gesellschaftskritische Theaterstücke. Für das Düsseldorfer Schauspielhaus bearbeitet er nun „Sender Freies Düsseldorf“. Am 5.10. ist Premiere. Regina Matthes sprach den Regisseur vor Beginn der Proben.

Hallo Schorsch. Zuerst einmal ein paar Fakten: Wo lebst du derzeit, wieder ganz in Hamburg?

St. Pauli ist die einzige Möglichkeit. So steht es hier auch an den Wänden.

Du bist Jahrgang 1963, ist das richtig?

Stimmt, ich bin weit unter fünfzig!

Deine wievielte Theaterarbeit ist „Sender Freies Düsseldorf“?

Irgendwas zwischen der dreißigsten und vierzigsten.

Welche deiner Stücke und Auszeichnungen sind dir besonders wichtig?

„Der digitale Wikinger“ am Schauspielhaus Zürich und „Eisstadt“ an der Volksbühne Berlin. Ich bin stolzer Ausgezeichneter des Hörspielpreises der Kriegsblinden, tatsächlich der bedeutendste deutschsprachige Hörspielpreis. Außerdem bin ich seit ungefähr 25 Jahren gemeinsam mit nur zwei weiteren sehr wichtigen Punkern im Vorstand der Punkausweisträger.

Wie bist du auf Düsseldorf gekommen, oder ist Düsseldorf auf dich zu gekommen?

Einwandfreie Stadt. Einwandfreies Theater. Ich bin gefragt worden. Geehrt.

Hast du einen speziellen Bezug zur Stadt?

Ich kenne Düsseldorf gut, hauptsächlich aus den frühen Achtzigern, die Ratinger-Hof-Szene und so weiter. Habe damals immer bei Leuten aus diesen Zusammenhängen rumgelungert. Heute sind das Rockstars, aber immer noch meine Freunde.

Wie sehen die Proben unter deiner Regie aus?

Ich gelte als eisenharter Mitspielerschinder. Ich komme mit wenig Fertigem an, erwarte aber, dass sofort alle voll mitarbeiten. Ich habe eigentlich immer nur das Thema im Gepäck, bei dem ich mir sicher bin. Autorität, Selbstausbeutung, Gentrifizierung, Widerstand, Spaßterror, Ängste aller Art … Die Idee ist dann, mit einer großen Gruppe von Profis und Nichtprofis einen Text, eine Aussage, einen Abend dazu zu erfinden. Und da versuche ich, aus jedem auch noch den letzten Tropfen Meinung herauszuquetschen, egal ob Starschauspieler oder Hospitant.

Wer ist bei diesem „Konzertschauspiel“ dabei?

Ich kann mir immer nur ein Team wünschen, in Absprache mit dem Theater. Meistens bringe ich Bühnenbildner, Kostümbildner, Videoartisten und Musiker mit. Hier in Düsseldorf sollen auch viele Nichtprofis und Experten mitmachen.

Stehst du diesmal wieder auf der Bühne?

Ich mache, wie meistens, selber mit bei dem Stück. Hauptsächlich wohl als Sänger.

Wie kam es zum Einsatz der Komponisten Carl Oesterhelt und Stefan Schwander? 

Ich habe mit Carl schon viele Theatermusiken gemacht, z. B. bei „Westwärts“ (Ruhrtriennale) oder „München Komplett“ für die Münchner Kammerspiele, bin großer Freund seines Musikansatzes, wollte aber dieses Mal auch jemanden aus Düsseldorf dabei haben. Das war dann Stefan Schwander, dessen Sachen ich auch sehr schätze.

Was ist das Thema, die zentrale Aussage beim „Sender“?

Also, ganz grundsätzlich will ich die Frage stellen, was wir eigentlich senden wollen, als Individuen, Privatleute, Medienschaffende, digital Vernetzte usw. Ist es möglich, bei so viel Meinung, so vielen Infos, Kanälen, Musiken, Haltungen, Unterhaltung, Ablenkung usw. überhaupt durchzukommen mit einer Aussendung von was auch immer. Ich möchte versuchen, nicht einfach nur auf irgendetwas zu reagieren, das muss man sowieso permanent und viel zu viel. Ich will überprüfen, was ich für „sendenswert“ halte, ohne Nutzerwartung, mal wieder nach direkten Wünschen fragen, die nicht beeinflusst sind – wenn das überhaupt möglich ist. Dafür muss ich mich und meine Gruppe jedenfalls erst einmal total runterfahren.

Wie sähe in deinen Augen die ideale Premiere aus? 

Ich hoffe, ich kann gemeinsam mit meinem Kollektiv zum Premieren-Zeitpunkt sagen, dass es Sinn gemacht hat, sich mit unserem Thema zu befassen, und dass das Publikum am besten noch ähnlich denkt. Alles andere geht unter in zügellosem Suff.

War es schon immer dein Plan, zum Theater zu kommen?

Bis heute nicht. Man fragt mich, und ich liefere sauber ab … Tatsächlich hat Theater ein paar schöne Möglichkeiten außerhalb der Hysterie. Man wird in Ruhe gelassen für ein paar Wochen. Und das ist pures Gold heute.

Was macht dich deiner Meinung nach zum derart viel gefragten Theatermann?

Ich versuche, eine Position zu haben. Meine Sachen sind aktuell diskursiv und wollen sich einmischen. Außerdem bin ich total süß.

Wie hat die Arbeit am Theater dein Leben verändert?

Viel zu viel im deutschsprachigen Raum rumgondeln. Viel zu viel in geschlossenen Räumen viel zu viel reden.

Was ist dir auf der Bühne und im wahren Leben wichtig? Gibt es da überhaupt eine Trennung?

Ich interessiere mich für Auftreten. Ich untersuche Wahrnehmung. Was passiert da? Ich suche auch nach immer neuen Situationen auf Bühnen. Nichts ist langweiliger als der sauber durchgeplante Ablauf, weil da nichts entstehen kann. Das exakte Timing machen The Scorpions wahrscheinlich eh besser. Ich will es gar nicht so genau wissen, will überrascht werden, wenn ich mich da hinstelle. Ich feiere weiter das Experiment, allerdings hervorragend aufgeladen: genährt aus tiefen Zweifeln, Ängsten, Unsicherheiten und einem Brocken Wut.

Welche Stücke schaust du dir gerne an?

Ich gehe ziemlich wenig zielgerichtet ins Theater. Kenne natürlich nach den vielen Jahren ein paar Strömungen, oder weiß, was Kollegen machen und was sonst so läuft. Ich werde auf jeden Fall auch die Ruhrtriennale besuchen, das Schauspiel Köln und meine nächste Versuchsstätte, das Theater Oberhausen.

Heute Düsseldorf. Morgen Oberhausen. Und Übermorgen? Geht es da eher weg von Pudel und Zitronen, dafür mehr zum Schauspiel?

Als nächstes mache ich ein Hörspiel für den WDR, Titel: „Kann mir nicht vorstellen, dass es weiter geht“. Dann will ich eine Platte veröffentlichen mit Stücken aus der vergangenen Theaterspielzeit, wo ich mit unterschiedlichen Leuten ausschließlich Musiktheater gemacht habe. Dann eine Bürgeroper fürs besagte Theater Oberhausen, aber auch Die Goldenen Zitronen werkeln an einer neuen Platte.

Eine letzte indiskrete Frage: Was kostet dein Einsatz in Düsseldorf? Falls darüber, wie ich vermute, nicht gesprochen wird: Wie lebt es sich vom Hochkulturbetrieb?

Ehrliche Antwort: Das ist total relativ. Ich könnte mit anderen Dingen ökonomisch besser fahren, nehme ich an, bin aber grundsätzlich grandios überbezahlt!

duesseldorfer-schauspielhaus.de