Es wird politisch! – Kulturlandschaft im Wandel

Neues Ensemble am Theater Oberhausen | Foto: Theater Oberhausen

„Bleibt alles anders? Aufbruch und Wandel in der regionalen Kultur“ lautet der Leitgedanke für die Kulturkonferenz Ruhr 2017 und die Veranstalter verweisen damit auf die anstehenden Wechsel an den Bühnen in Oberhausen, Hagen und Bochum. Während am Schauspielhaus Bochum Anselm Weber Richtung Frankfurt aufbrach, verließ in Hagen das komplette Leitungsteam das krisengeschüttelte Haus.

Nach einer langwierigen Intendantensuche ist Francis Hüsers der neue Chef in Hagen – freischaffender Autor und ehemaliger Operndirektor der Hamburger Staatsoper. Um eine Spielzeit vorzubereiten, blieb zu wenig Zeit, daher laufen viele der Repertoire-Produktionen weiter. Erste Premiere ist das Einwanderer-Musical „In den Heights von New York“. Anschließend lockt das musikalische Schauspiel „Wie im Himmel“ nach dem charmanten Film von Kay Pollak über den rasanten Aufstieg eines Dorf-Kirchenchores ins Hagener Theater.

Abschiede auch in Oberhausen

Wer am Theater Oberhausen in den Genuss der „Finalen Hitparade“ gekommen ist, erlebte, wie das gesamte Ensemble sich durch die vergangenen Inszenierungen sang. Dieser amüsante Rückblick auf die erfolgreiche Ära unter Peter Carp wurde von einem flammenden Appell an die Theaterkunst des Regisseurs Herbert Fritsch gekrönt. Nun ist der Weg frei für Florian Fiedler, der vom Jungen Theater Hannover in die Gasometer-Metropole umsiedelt. Er beschäftigt sich programmatisch mit den Gefahren antidemokratischer Tendenzen: „Die Schimmelmanns – Verfall einer Gesellschaft“, „Das siebte Kreuz“ und der „Volksfeind“ lassen sich diesem Themenkomplex zuordnen, politische Diskurse sind vom jungen Team in Oberhausen mehr denn je gewünscht. Henrik Ibsens „Volksfeind“ wird am Schauspielhaus Bochum bei Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer zum „Volksverräter!“ Danach schaut das Theater an der Königsallee mit „Maria Stuart“ ins Schillersche Machtgefüge und mit „Der Mann ohne Vergangenheit“ kommt ein Stoff von Filmregisseur Aki Kaurismäki auf die Bühne. Die Leitung verantwortet der bisherige Chefdramaturg Olaf Kröck, bis Johan Simons Mitte 2018 das Ruder übernimmt.

Grillo-Theater feiert Jubiläum

125 Jahre hat das Essener Grillo-Theater auf dem Buckel: Glückwunsch! „Wer zahlt die Zeche“ ist das Motto und es meint, laut Chefdramaturgin Vera Ring, „die Bereitschaft Verantwortung für die Stadt und sein Theater zu übernehmen, aber auch einen Raum zu schaffen, um über Lebensrealitäten zu diskutieren“. Beginnend mit dem Publikumswahlstück „Der Besuch der alten Dame“, lotet Lutz Hübner in „Willkommen“ Toleranzgrenzen aus. Als Märchen der sozialen Gerechtigkeit kündigt sich „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ an, während der Absturz einer Industriellenfamilie in „Der Fall der Götter“ verhandelt wird. Ein weiterer Höhepunkt sind die spartenübergreifenden TUP-Festtage Kunst. Das Aalto-Theater setzt auf bekannte Titel mit der „Verkauften Braut“, dem „Troubadour“ und dem Ballett „Schwanensee“, doch die Saison startet mit einer Familienvorstellung des einsamen Ritters „Don Quichotte“.

„Wem können wir glauben?“ fragt Michael Schulz, Generalintendant am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier. Religion und Macht sowie die Auseinandersetzung mit Luther steht im Fokus der Kunst, Verweise in Richtung Realpolitik sind beabsichtigt. Zunächst schaut das Opernhaus mit „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith in die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts, um dann in „Reformhaus Lutter“ 500 Jahre Reformation musikalisch zu durchleuchten. Dominique Horwitz schlägt in dieser Revue die musikalische Brücke zwischen Schlager, Pop und Oper; Schauplatz ist ein sanierungsbedürftiges Reformhaus. Ballettchefin Bridget Breiner setzt auf die Kraft der Liebe und widmet sich „Romeo und Julia“.

Der Terroranschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 war einer der schwersten in Deutschland. Krimiautor Wolfgang Schorlau startet am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel mit seinem „München-Komplott“ einen weiteren Versuch, Zusammenhänge zwischen Behörden- und Zeugenaussagen zu entwirren. Große Erwartungen schürt die Bühnenadaption von Michel Houellebecq „Unterwerfung“, der in seiner utopischen Farce eine beunruhigende Zukunftsvision radikaler Kräfte entwirft. Gar nicht zimperlich geht es auch im Wohnzimmer der Familie Mustermann zu, wenn das Schlosstheater Moers ankündigt: „Wir sind Schmidt. Ein deutsches Sittengemälde.“ Regisseurin Susanne Zaun analysiert in ihrer Stückentwicklung stereotype Rollenbilder einer Durchschnittsfamilie. Ebenfalls auf Spurensuche begibt sich Barbara Wachendorff, die ein Theaterprojekt mit geflüchteten Frauen aus Moers und Umgebung konzipiert.

In Dortmund endet die Zeit im Ausweichquartier Megastore. Mit der Doppelvorstellung („Biedermann und die Brandstifter“, „Fahrenheit 451“) wird die renovierte Schauspielbühne im Dezember eröffnet. Gordon Kämmerer führt Regie über das drohende Feuerinferno von Max Frisch und Ray Bradbury. Weiterhin folgen Premieren von „Übergewicht, unwichtig: Uniform“, „Kirschgarten“, „Theatermacher“, während sich Musical(film)fans ganz besonders auf die schrille Teenager-Komödie „Hairspray“ im Opernhaus freuen können. Ebenfalls einer filmischen Vorlage folgt Roberto Ciulli in Mülheim mit Woody Allens „Tod“: Er erzählt die Geschichte des Herrn Kleinmann, einer Bürgerwehr und der Suche nach einem Mörder. Mit Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“ kommt eine Systemanalyse über das Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit am Theater an der Ruhr zur Aufführung. Aktueller geht’s kaum. Ariane Schön