Golf Musk: Von Dreck, Kindheit und Hierarchien

| Foto: Julia Hubernagel

Eine neue Ausstellung ist im Dortmunder Kunstverein zu bestaunen. Der kleine Raum neben dem Dortmunder U war dabei für das Künstlerduo Ben Burgis und Ksenia Pedan entscheidend, denn die Inspiration für Golf Musk nahmen die in England Lebenden aus dem Ruhrgebiet.

Von beschmutzten Wänden umgeben, stehen Miniaturcouchgarnituren neben geschmolzenen Stühlen und seltsam verformten Haustieren. In einem Wohnzimmer, überproportioniert und sich fragend, welcher Wahnsinn hier alles zerschlagen hat, steht der Besucher; seinen Weg durch die Ausstellung findet er mithilfe der Motorradbremsspuren auf dem Boden. Ein ausgebranntes Golf Cart, Reste von karierter Kleidung und Fotos des perfekt gestutzten Grüns zeigen die Leidenschaft des früheren Mieters. Doch die Möbel des nun Entschwundenen sind verformt, als würde der Betrachter durch einen Zirkusspiegel schauen und erschaffen etwas, „das man als eine Art psychisch schiefen Raum beschreiben kann“, erklärt Oriane Durand. Die künstlerische Leiterin des Dortmunder Kunstvereins besuchte in London eine Ausstellung des Duos und lud sie ein, auch in Dortmund einen Raum zu gestalten.

Ben Burgis und Ksenia Pedan | Foto: Julia Hubernagel

Faszinierendes Feuer

Golf, eher der grünen Insel zugehörig, vermischt sich hier mit der Rohheit einer stillgelegten Industrie. Besuche auf Halden und in ehemaligen Bergwerken inspirierten Ben Burgis und Ksenia Pedan zu ihrer verlassenen Wohnlandschaft. Besonders das Feuer, das unter manchen Halden immer noch brennt, faszinierte die Künstler. So entstellt zum Großteil das Geschmolzene und Verbrannte die Möbel, die zusammengefallen auf einen Bruchteil ihrer Größe geschrumpft sind. „Das Kindliche kommt hervor“, sagt Durand, „ein alter, reicher Mann entdeckt plötzlich das Kind in sich und verändert alles.“ Noch in den Kinderschuhen steckt auch der Rohbau eines Hochhauses. Nicht fertiggestellt und bereits ein wenig verrottet, sollte das Gebäude vielleicht einmal als Hotel für Urlaubsgäste dienen, meint Ben Burgis. „Aber dann gingen Investoren pleite, die Urlaubsregion verlor an Attraktivität.“

Hierarchien durchbrechen

Der Schmutz betont in Golf Musk aber nicht nur das Verlassene,  Dystopische und Gestörte. Vielmehr soll er Hierarchien durchbrechen. Das geschieht nicht nur dahingehend, dass der Dreck und Metallstaub das mit teuren Einrichtungsgegenstäden dekorierte Wohnzimmer so herabwürdigt, dass der Besucher den Klassenunterschied erst beim zweiten oder dritten Blick bemerkt. Vielmehr katapultieren die Abfälle und Überreste die Ausstellung aus dem traditionellen White Room, der cleanen, gehoben Atmosphäre einer Kunstgalerie, hinaus in die Wirklichkeit, in das Ungezwungene. Dadurch, dass Golf Musk durch Glasfenster komplett von außen einsehbar ist, muss der Ort des Bildungsbürgertums, das Kunstmuseum, gar nicht mehr betreten werden. In Dortmund, neben Königswall und Westentor, steht der Vorbeikommende plötzlich in der Galerie – und der eigentliche Besucher schaut zu. Julia Hubernagel