Theater im Ruhrgebiet: Spielzeitüberblick 2013/2014

Duisburg: Jugendclub zeigt modernen „Othello“

Kampf gegen Windmühle

Don Quijote, der Ritter der traurigen Gestalt nach Cervantes berühmter Vorlage, reitet auf drei Theaterbühnen dem Sonnenuntergang entgegen. Er erscheint in Moers als Kinderheld, am Essener Schauspiel als Gesellschaftskritiker und in Gelsenkirchen im romantischen Operngewand. Die Geschichte vom unbeirrbaren Idealisten ist aber auch ein Sinnbild für den Überlebenskampf der Bühnen.

Und so haben Überzeugungskraft und Ausdauer auch das kleine Schlosstheater Moers gerettet: Die Verlängerung des Vertrags von Intendant Ulrich Greb bis 2020 ist eine Anerkennung der „Verbindung künstlerischer und sozialer Initiativen“, verlautet es von offizieller Seite. Ab September dreht sich alles um den vieldeutigen Begriff der Inklusion („all inclusiv“). „Othello“ wird zum Paradebeispiel für einen verpatzten Integrationsversuch, Barbara Wachendorff wagt ein Depressions-Rechercheprojekt namens „Under Cover“. Das spielfreudige Moerser Ensemble garantiert für einen unterhaltsamen wie tiefsinnigen Zugriff.

Zum Vergleich läuft eine Jugendclub-Fassung des Othello-Stoffs am Theater Duisburg in einer zeitgemäßen Übersetzung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Das Maskentheater der Familie Flöz und eine neue Koproduktion mit dem Figurentheater Cipolla („Bestie Mensch“ nach Émil Zola) komplettiert das breite Angebot aus Schauspiel, Oper, Ballett in Duisburg.

Macht und Leidenschaften

Böse Farce: Gorge Mastromas in Essen

„Gut ist bös und bös ist gut“, so der Hexenkanon in „Macbeth“: Einblicke in die Welt von Chaos und Ordnung verspricht das Essener Theater unter der Spielzeitüberschrift „Leidenschaft, Intrige, Rausch“. Im Doppelpack, als Verdi-Oper am Aalto-Theater und als Schauspiel in der Inszenierung von Wolfgang Engel (vormals für „Hiob“ verantwortlich), läuft Shakespeares blutrünstigstes Stück. Das Todesthema schwingt opulent weiter in einer Bearbeitung des „Werther“ (Aalto-Theater), während das Grillo-Theater sich mit der Figur des Gorge Mastromas im gleichnamigen Stück von Dennis Kelly befasst. „Die Menschen wollen belogen werden“, heißt es in Kellys Stück, das den Aufstieg der Titelfigur Gorge zum Superreichen schildert. Der Autor zeigt Humor, wenn er seine unmoralische Titelfigur auf einen Mörder treffen lässt, dieser aber abgestoßen von der Egomanie seines Gegenübers unverrichteter Dinge flüchtet.

Perspektivwechsel und Bestseller

Sicher sind Krusty der Clown aus den Simpsons oder Serienmörder Pogo von Steven King als die bösen Vertreter der Clowns-Zunft auf ihre Weise genial. Roberto Ciulli vom Theater an der Ruhr hat aber etwas anderes im Sinn, wenn er „Clowns 2 ½“ ankündigt. Aus der Perspektive eines Clowns untersucht er die Facetten des Alterns, er erzählt von Ausgrenzung und Kasernierung. Um nicht allzu schwergewichtig in die Saison zu starten, zeigt Mülheim zunächst die turbulente Verwechslungskomödie „Monsieur Chasse oder wie man Hasen jagt“. Waidmanns Heil!

Das Theater Oberhausen experimentiert mit Bestsellern. Zunächst gibt es eine Bearbeitung von Florian Illies „1913“. Darin beschreibt der Journalist und Autor von „Generation Golf“ das Nebeneinander von Ereignissen, in Briefform oder als Tagebuchnotizen von Franz Kafka, Georg Trakl, Robert Musil, Thomas Mann. Während also der rumänische Regisseur Vlad Massaci viele Einzelstimmen zu einem Ganzen zusammen bringen muss, widmet sich die Puppenspielerin Suse Wächter einen ganzen Abend lang Bert Brecht. Seine Frauengeschichten, seine Theatersprache, seine politischen Ansichten – alles mit Puppen. Eine dramatisierte Literaturvorlage steht mit „Angst“ auf dem Spielplan. So übertitelt Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit seinen Thriller über einen Stalker, der in den Mikrokosmos einer Familie eindringt. Dass der Täter direkt nebenan wohnt, macht die Sache irgendwie ungemütlich. Zoff am Gartenzaum vom Feinsten!

Lob und eine Lola, die rennt

Showbiz extrem: Das goldene Zeitalter in Dortmund, Foto: Birgit Hupfeld

Nach drei Spielzeiten fährt der Schauspielchef Kay Voges endlich die verdienten Lorbeeren für das Theater Dortmund ein. Bei den Kritikern gefeiert und im eigenen Haus mit den Worten geehrt: „Er begibt sich in Regionen, in denen das Netz des Gewohnten weder Schauspieler noch Zuschauer auffängt.“ Wenige Theatermacher setzen das Medium Film auf der Theaterbühne so radikal ein. Nun geht die Erfolgsstory mit „Das goldene Zeitalter“ weiter, einer Stückentwicklung des kongenialen Duos Kay Voges und Alexander Kerlin. Großartig ist auch der aus Laien bestehende Sprechchor, der sich diesmal in Kollektivsimulation zum „Leben der Margot Maria Rakete“ äußern wird. Vielleicht lässt sich auch das singende Pendant in der Oper Dortmund davon inspirieren. Denn Chor und Extrachor werden zunächst in „Don Carlo“, dann im Musical „Anatevka“ gebraucht.

Das Theater Hagen beginnt mit einer konzertanten 100-Jahres-„Meisterfeier!“ (Britten, Verdi, Wagner) souverän moderiert von Herbert Feuerstein. Es bleibt humorvoll in der Operette „Das Feuerwerk“, eine Geschichte um einen Zirkusdirektor, fachlich unterstützt vom echten Circus Jonny Casselly. Tempo, tempo heißt es dann aber in der Erstaufführung von „Lola rennt“ (Regie: Norbert Hilchenbach) als weiterer Beitrag aus der Serie der zeitgenössischen Opern nach der Erfolgsvorlage von Tom Tykwer. Garantiert mit überregionaler Strahlkraft.

Stadt- und Kunstfestival in Bochum

Die Zukunft des Bochumer Schauspielhauses scheint gesichert, dort ist Intendant Anselm Weber kurz vor der Sommerpause mit den Worten beglückt worden: „Weber ist ein Brückenbauer mit internationaler Perspektive.“ Zunächst schenkt der wiedergewählte Hausherr seinem Publikum ein lokalpatriotisches Bonbon mit einer Hommage an Herbert Grönemeyer im musikalischen Singspiel „Bochum“. Einen Blick über den Tellerrand wagt er dann mit dem „Detroit-Projekt“, in dem es um die Opel-Schließung vor Ort und an vergleichbaren Standorten in England, Polen und in den USA geht.

Detroit-Projekt: Drei für Bochum, Foto: Diana Küster

Das einjährige Stadtfestival wird in Kooperation mit „Urbane Künste Ruhr“ realisiert und ist als Beteiligungsprojekt angelegt. Dies soll aber nicht vom eigentlichen Geschäft ablenken, zu Beginn der Saison stehen zwei große Schauspielproduktionen an: Gorkis „Wassa Schelesnowa“ und Hebbels „Nibelungen“.

Dänischer Krimi-Import und andere Kassenschlager

Kein „Erbarmen“ hat das Westfälische Landestheater in Castrop-Rauxel mit seinen Zuschauern, serviert es doch gleich zu Beginn die klaustrophobische Geschichte einer Geiselnahme nach dem dänischen Original von Jussi Adler-Olsen. Mit „Mario und der Zauberer“ und den „Physikern“ dürften dann auch die Oberstufenkurse hordenweise in das Haus am Europaplatz einfallen.

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