Ruhrtriennale: freitagsküche mit Rimini Protokoll

Aufgetischt! | Foto: Engels & Kraemer Photographie

Situation Rooms, Kaninchen und praktisch veganer Borscht

Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit ihrem Sturmgewehr ins Einkaufszentrum um die Ecke und mähen dort im Erdgeschoss kreuz und quer eine Menschenmenge um. Dabei ist allerdings zu beachten, dass Sie in Folge Ihrer Tat dazu genötigt werden, ihre heimische Waffensammlung im ersten Schritt offen zu legen und jene im weiteren Verlauf von externer Seite verschrotten zu lassen.

Was sich an dieser Stelle wie ein böser Scherz liest, scheint derzeit bezogen auf die Lage im syrischen Bürgerkrieg bittere Realität zu werden. Nach dem Giftgasangriff auf Zivilisten in Damaskus geben sich die globalen Machthaber aus innen- und außenpolitischen Gründen damit zufrieden, dass Syrien sein Chemiewaffen-Arsenal rausrückt und vernichten lässt. Damit hätte sich die ganze Angelegenheit für den Moment erledigt.

Wer in den letzten 70 Jahren in Deutschland geboren ist und Zeit seines Lebens hier lebt, der weiß nicht, wie sich Krieg anfühlt. Sein oder ihr Bild vom Krieg setzt sich aus Texten, Bildern und Tönen der Medien, maximal aus Erzählungen von Zeitzeugen zusammen.

Foto: Jörg Baumann / Ruhrtriennale

Jenen Elemente hat sich auch die Gruppe Rimini Protokoll bedient, deren interaktives Multimedia-Projekt „Situation Rooms“ mehrere Wochen im Rahmen der Ruhrtriennale zu erleben war. Darin sind die Besucher selbst aktiver Bestandteil der Handlung, wenn sie begleitet von Interview-Sequenzen durch verschiedene Räume gelotst werden. Die nötigen Anweisungen erhalten die Teilnehmer über ein iPad, das sie fortwährend bei sich tragen. In knapp 80 Minuten schlüpfen die pro „Aufführung“ jeweils zwanzig Besucher in zehn verschiedene Rollen. Diesen Rollen ist gemein, dass ihre Protagonisten allesamt Kriegs- bzw. Waffenexperten sind, jedoch in mitunter völlig unterschiedlicher Funktion.

Insgesamt haben die Künstler von Rimini Protokoll Gespräche mit 20 Experten aufgezeichnet. Darunter ein syrischer Flüchtling, ein Soldat der indischen Luftwaffe, ein Journalist aus dem Südsudan, ein deutscher Arzt. Und so finden sich die Teilnehmer von „Situation Rooms“ in der Bochumer Turbinenhalle u. a. als Verletzter auf einer Bahre wieder, als Rüstungsmanager im Chefsessel oder als Kantinenchefin in einer Munitionsfabrik. Für gedankliches Abschweifen bleibt während der Inszenierung keine Zeit. Wer nicht aufpasst, verliert den Anschluss und irrt orientierungslos durch die Räume, ehe ihm hinter eine der Notausgänge wieder ins Spiel geholfen wird.

Die Partizipation am Geschehen spornt an, weckt den Ehrgeiz, keinen Fehler im eigenen Handlungsstrang zu begehen. Denn dieser hätte schnell auch Auswirkungen auf das Erlebnis der anderen Teilnehmer, da alle individuellen Handlungsstränge zueinander synchronisiert sind. Bei aller Freude an der Interaktion bleiben leider mitunter die Schilderungen der Experten auf der Strecke, wenn diesen zwischen all den Spiel-Anweisungen kaum mehr im angemessen Maße gefolgt werden kann.

5 x Kaninchen und 2 x Borscht

Die Opfer des mit der „Situation Rooms“-Inszenierung verknüpften Termins der freitagsküche, dem offiziellen Gastro-Format der Ruhrtriennale, sind knapp 50 cm lang und mit einer braunen Soße überzogen. Als Beilage werden Knödel gereicht. Wir werden gebeten, uns am Tisch miteinander abzusprechen, wer sich der Zerlegung des Kaninchen wagt und wer lieber einen Teller Borscht bevorzugt. Auf die Nachfrage, ob denn der Borscht vegan sei, gibt es von der Bedienung die skurrile Antwort: „Da ist nur ein Ei drin, also praktisch vegan.“ Ich bleibe dann mal lieber beim leckeren, von der Küchencrew selbstgebackenen Brot und hole mir zweimal Salatnachschlag. Der Rest des Tisches stimmt für 5 x Kaninchen und 2 x Borscht.

Zum Konzept der freitagsküche gehört es, dass Menschen, die sich nicht kennen, beim gemeinsamen Essen miteinander ins Gespräch kommen. Das funktioniert in unserem Fall sehr gut. Wir, dass sind drei Bekannte der Veranstalter aus Frankfurt, das Bochumer Künstler-Ehepaar Jacqueline Kraemer und Uwe Engels, Tänzerin Marina aus Stuttgart, die, mit einem Studentenpass ausgestattet, zwei Wochen Triennale-Tourismus im Ruhrgebiet genießt, mein Kollege Marco und ich.

Die Gesprächsthemenpalette des Abends erstreckt sich von der aktuellen Triennale-Qualität im Vergleich zu den Vorjahren, die Situation der Bochumer Kulturlandschaft, explizit am Beispiel des Schauspielhaus, bis hin zu den eigenen Tätigkeiten. Fotos werden gezeigt, Postkarten und Visitenkarten ausgetauscht. Zum Nachtisch gibt es Palatschinken. Eine weitere Runde Weißwein und Wasser erreicht den Tisch.

Foto: Heike Kandalowski / Ruhrtriennale

Gut zweieinhalb kurzweilige Stunden sitzen wir bereits zusammen, doch ein Mosaikstein des freitagsküche-Konzepts lässt auf sich warten. Denn laut Ankündigung ist es vorgesehen, dass Künstler der angedockten Produktion die Tischrunden komplettieren. Erste Gedanken des Aufbruchs schweifen durch den Kopf, als sich Stefan Kaegi von Rimini Protokoll zu uns gesellt. Interessiert nimmt er unsere Eindrücke des Stücks entgegen und erzählt vom Prozess der Interview-Recherche. Als wir nach der Konstruktion der „Situation Rooms“ fragen, wechselt Stefan sich gegen Dominic Huber aus, der für die Szenografie verantwortlich ist.

Auf großes Interesse stößt besonders die Auflösung, wie es gelingt, die individuellen Handlungsverläufe der Teilnehmer miteinander zu synchronisieren. Kurz gesagt: Es lebe die Excel-Tabelle. Darüber hinaus schildert Dominic noch die kostenintensive Problematik des Transports der Einrichtung, denn für das gesamte Material werden zwei Schiffscontainer benötigt. Als wir wieder auf die Uhr schauen, ist es bereits halb elf. Unser Tisch verabschiedet sich voneinander und wir bedanken uns gegenseitig für diesen wirklich gelungenen Abend.

Vor dem Schlafengehen berichtet das ARD-Nachtmagazin von den stockenden Verhandlungen über eine angemessene Reaktion auf den syrischen Chemiewaffen-Angriff. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon: „Es gibt überwältigende Beweise für einen Giftgaseinsatz in Syrien.“ – Wladimir Putin: „Es gibt eine klare militärische Bedrohung durch die USA gegenüber dem souveränen syrischen Staat.“ Vier Millionen Syrer sollen vor Ort auf der Flucht vor dem Krieg sein, zwei Millionen ihr Land bereits verlassen haben. Deutschland hat sich bereit erklärt, nach eigener Auswahl 5000 Flüchtlinge aufzunehmen.

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