Ruhrtriennale: freitagsküche mit Forced Entertainment

| Foto: Ruhrtriennale, Heike Kandalowski

„Forced Entertainment“ ist eine britische Gruppe von Performern, die nun schon seit knapp 30 Jahren internationale Erfolge feiert. Mit dem neuen Stück „The Last Adventures“ spielen sie in der Gladbecker Maschinenhalle Zweckel mit den Erwartungen der Zuschauer. Viele Fragen stellen sich während der Show, für die es vielleicht in der „freitagsküche“, dem geselligen Dinieren mit den Darstellern nach der Show, eine Antwort geben wird. 

Aperitif

Ein beleuchtetes Pult auf der ersten Etage der Maschinenhalle: Die Regieassistentin der Produktion, Greta Granderath will nicht das Stück erklären, nein, aber sie möchte das Publikum warnen. Einen gewohnten Theaterabend mit einer narrativen Erzählung wird es nicht geben. „Forced Entertainment“ (was soviel bedeutet wie „erzwungene Unterhaltung“) lassen sich schwer in Gewohntes einordnen, die Schauspieler der Truppe aus Sheffield sind Performer, die Stücke sind Installationen, Collagen, Bruchstücke. In „The Last Adventures“ haben sich der künstlerische Leiter Tim Etchells und sein Team mit Märchen und Mythen, aber auch mit Science Fiction Legenden beschäftigt. Doch das „letzte Abenteuer“ spielt eben auch auf den Tod an und so ist die Performance laut Granderath „immer mehr zu einem Schlachtfeld geworden“. „Und wenn Sie sich während der Performance fragen, was Sie hier machen, dann sind Sie genau richtig.“ Aha. Es geht also um die Fantasie des Zuschauers, die eigenen Bilder im Kopf, um eine Rückspiegelung des Gesehenen auf den Zuschauer. Normalerweise kommunizieren die Darsteller während der Aufführung mit dem Publikum - diesmal nicht. Aber für die direkte Kommunikation ist ja hinterher noch Zeit.  

Vorspeise

Das Stück, die Performance, die Klanginstallation, die Collage nimmt Fahrt auf. Wo zu Beginn die 16 Darsteller mit stilisierten Holzbäumen eine Wald-Choreografie entwickelt haben, ist nun ein Schlachtfeld entstanden. Fast nahtlos geht es von der Waldszene in einen fiktiven Kampf über, jeder gegen jeden, die Soldaten sind mit Kochtöpfen und Besenstielen bewaffnet. Anpirschen, feuern, sterben im Minutentakt. Die kindlich-naiven Kostüme und Ausstattungsgegenstände erinnern eher an eine Schulaufführung und etablieren eine skurrile Comic-Ästhetik. Was zunächst noch recht lustig wirkt, wird nach und nach zu einem blutigen Gemetzel. Mit roten Bändern werden Blutfontänen dargestellt, zuckende Körper überall, Darsteller auf Krücken bebildern das Chaos. Ein aus mehreren zackigen Holzteilen bestehender Drache frisst einen Verletzten auf, eine Prinzessin wird geköpft, ein Roboter zu Tode maltretiert. Ja, das ist wohl der schwarze Humor, den die Gruppe so berühmt gemacht hat. Es folgen Bilder von ziehenden Wolken (die Performer tragen Wolkenkulissen von rechts nach links) und aufschwingenden Wellen. Ruhige Momente in einem rasanten Spiel. Bemerkenswert sind auch die riesigen Schatten, die auf den Wänden der großen Halle zu tanzen scheinen. Einen wichtigen Anteil am Stück hat der Musiker Tarek Atoui. Auf zwei großen Tischen stehen verschiedene elektronische Gerätschaften, im Zentrum das Laptop. Seine extra für die Aufführung komponierte Klangwelt besteht aus diffusen synthetischen Klängen, schrillen Sounds und wummernden Bässen. Es entsteht ein ganz eigener, meist bedrohlich wirkender Geräuschkosmos. Mit wedelnden Händen über den Geräten steuert er seine Einsätze wie von Geisterhand. Dieser Vorgang allein zieht schon viel Aufmerksamkeit auf sich.  

Hauptgang

Foto: Ruhrtriennale, Heike Kandalowski

Nach knapp 90 Minuten ist der ganze Zauber vorbei und die Aftershow-Party wird in einem stimmungsvollen Nebenraum der Maschinenhalle eingeläutet. Ein Dutzend gedeckte Tische warten auf die Gäste. Die Entscheidung über das Essen ist schnell getroffen, denn es gibt die Wahl zwischen Vegetarisch und Fleisch. Die Stimmung ist euphorisch und voller Vorfreude auf ein paar nette Begegnungen und einem Austausch mit dem Tischnachbar oder den anwesenden Künstlern an der gemeinsamen Tafel. Die Performer von „Forced Entertainment“ verteilen sich an die Tische und ich habe Glück: Eileen Evans, die Produzentin der Gruppe und Tarek Atoui, der musikalische Star des Abends finden ihren Platz an Tisch Nummer 3. Die überaus gut gelaunte Managerin zu meiner Linken nimmt sofort Kontakt zu ihrem Nachbarn auf, der ganz zufällig denselben Beruf hat wie sie. Wenig später tauschen sie Projektpläne aus, noch etwas später ihre Visitenkarten. Beschwingt erzählt Eileen Evans über die Proben der Produktion, schwärmt von den gelungenen Bildern in der Arbeit und der schönen Maschinenhalle, die der Unternehmung den passenden Rahmen gegeben hat. Sie schüttelt belustigt den Kopf als sie von den theoretischen Diskussionen erzählt, die Regisseur Tim Etchells zu Probenbeginn initiiert hat. Und sie freut sich über den bilderstarken und emotionalen Wert der Aufführung. Besonders Tarek Atoui hat mit seinen Kompositionen und Soundcollagen den Probenprozess bereichert und voran getrieben. Nach so viel Lob stellt sich nun die Frage, wie der Musiker selbst die Probenzeit erlebt hat: „Zu Beginn der Proben musste ich die ganze Zeit lachen, ich konnte gar nicht arbeiten“, sagt Tarek Atoui. Klar, wenn 16 Erwachsene mit Nudelsieb auf dem Kopf und Besenstiel in der Hand quer über die Bühne rennen und Krieg spielen, dann wirkt das sicher zunächst etwas merkwürdig. Aber „nach einiger Zeit hat sich eine Struktur herausgeschält“, erzählt der gebürtige Libanese und daraufhin fand er seinen eigenen künstlerischen Zugriff auf das Bühnengeschehen. Vieles ist improvisiert innerhalb der Struktur von Vereinbarungen. Tarek Atoui ist international ein überaus gefragter Experte auf dem Gebiet der elektronischen Musik. Und so geht es für ihn die nächsten Tage erst mal weiter nach Brasilien. Neben Soloauftritten geht der Soundkünstler verstärkt in Projektarbeiten auf, nicht zuletzt haben ihn seine Installation und der Besucherworkshop auf der „Documenta 13“ auch in Deutschland bekannt gemacht. Bereitwillig erläutert er mir seine Instrumentierung, die aus über den Tisch verteilten Reglern und Fadern besteht, kombiniert mit Soundpads und Infrarot-Bewegungsfeldern. Das erklärt die schwebenden Handbewegungen durch die er bestimmte Klangteppiche steuert. Das Programm, das dies alles im Laptop bündelt, hat er selbst geschrieben. Einen ähnlichen Auftrag hat er als künstlerischer Direktor in Amsterdam am Wissenschaftlichen Institut für die Entwicklung elektronischer Instrumente. Mit einem breiten Grinsen holt sich der sympathische Musiker, der allerdings nur wenig Erfahrungen an „klassischen Instrumenten“ hat, ein weiteres Glas Rotwein, und er bekommt auf dem Weg jede Menge verdientes Lob und Glückwünsche von einigen Zuschauern zu hören.  

Dessert

Beim Nachtisch, bestehend aus einem süßen Kuchenstück mit Granatapfel, haben sich die Reihen bereits gelichtet. Der Bus-Shuttle hat bereits um 23:30 Uhr einen Teil der Anwesenden ihren Tellern entrissen. Trotzdem war die Atmosphäre angenehm locker, wenn auch manch einer sich die Kommunikation einfacher vorgestellt hätte. Ohne Englischkenntnisse ging es nun mal an diesem Abend nicht. Das hat wohl den einen oder anderen Theatergänger überrascht, wie der Kommentar einer Besucherin beweist: „Da war ich gar nicht drauf vorbereitet, dass die alle nur englisch sprechen“, sagte sie beim Verlassen der Maschinenhalle.

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