Ruhrtriennale: Sonntäglicher Auftakt der Freitagsküche

Delusion of the Fury | Foto: Wonge Bergmann (Ruhrtriennale)

Am Ende wird gejubelt, mit den Beinen ordentlich auf den Tribünengerüstboden getrampelt und das Ensemble muss unzählige Male zurück vor das Publikum und sich erneut verbeugen. Die viel diskutierte Eröffnungs-Inszenierung (Pressespiegel am Ende des Artikels) „Delusion of the Fury“ ist erneut ausverkauft und gleichzeitig Auftaktgeber für einen neuen Programmpunkt der Ruhrtriennale: die Freitagsküche.  

Die Künstler Thomas Friemel und Michael Riedel haben die Freitagsküche vor mehr als zehn Jahren in Frankfurt erstmalig veranstaltet. Seitdem hat sich das Event rund um Kunst, Künstler und Küche in der Mainmetropole von einem Insidertreff der Kulturszene zu einem breiten Publikumsmagneten entwickelt und das Konzept wird immer wieder von anderen Städten ausgeliehen. Es ist der kulinarische Rahmen, der die Kommunikation zwischen Unbekannten so leicht macht. Wenn das Wetter keine Rolle spielt, sind Gespräche über Gaumenfreuden die zuverlässigste Gesprächseröffnung. Vor allem wenn es spannend inszeniert wird.  

Damit schließt die Ruhrtriennale an eine der sehr guten Ideen aus dem letzten Jahr an. Nach einer der Aufführungen von Europeras 1+2 wurden auf der Bühne viele kleine Tische mit jeweils zwei Stühlen aufgebaut. An jedem nahm ein Künstler Platz. Das Publikum hatte so die Gelegenheit, in kurzen Gesprächen mit den Beteiligten (vom Bühnentechniker bis zum Intendanten) des Stückes zu sprechen. Reihum, denn nach einer bestimmten Zeitspanne mussten die Besucher einen Tisch weiterrücken. Was letztes Jahr noch einmalig war, wird mit der Freitagsküche dieses Jahr zum festen Programmpunkt.

Für die erste Freitagsküche an einem Sonntagabend stehen im naheliegenden Dampfgebläsehaus der Jahrhunderthalle mehrere lange Tische bereit. An jedem ist ein Stuhl reserviert. Hier sollen die Künstler der gerade gesehenen Inszenierung Platz nehmen. Da der Raum überschaubar groß ist, war diese Veranstaltung schon lange ausverkauft. (coolibri verlost noch Karten für zwei kommende Freitagsküchen).  

Auf der Menüliste steht das Hobo-Pack in der fleischhaltigen und vegetarischen Variante. Damit nimmt die Küche direkten Bezug auf Harry Partch, der selber "jahrelang als trampender und auf Güterzüge aufspringender Arbeitsloser durch die Vereinigten Staaten vagabundierte." (FAZ) Während wir gemeinsam bei den ersten Getränken auf das Essen und die ersten Künstler warten, entwickelt sich schon die Diskussion über das Stück.

Zweidrittel unserer kleinen Gruppe waren begeistert, einer fand es nett. Dieses Mehrheitsverhältnis hatte sich schon im Applaus gezeigt. So richtig enttäuscht wirkte niemand. Spannend ist die am Tisch aufgerufene Frage, warum „Delusion of the Fury“ so relevant ist, dass damit die Ruhrtriennale eröffnet wird. Wir spekulieren, dass das in dem Aufwand begründet ist, eine Inszenierung 55 Jahre nach ihrer Uhraufführung für Europäer überhaupt erfahrbar zu machen. Die Komposition alleine ist nur ein kleiner Teil, denn ohne die von Partch gebauten Instrumente, mit denen ein viel umfangreicheres Tonsystem spielbar ist, konnte seine Kunst nicht reproduziert werden. Und wer auch immer es entschieden hat, die Originale dürfen nicht verschifft werden.

Erst durch die Initiative von Intendant Heiner Goebbels und die Zusammenarbeit mit dem Kölner Ensemble Musikfabrik war es möglich, Geld und Zeit zusammenzubringen, um die Instrumente nachzubauen und das Beherrschen selbiger zu lernen.  

Mit uns am Tisch sitzt ein älteres Kölner Ehepaar, das sich als Fan der Musikfabrik zu erkennen gibt. Sie erzählen von weiteren Projekten des Ensembles, das darauf spezialisiert ist, neue bisher ungehörte Musik erfahrbar zu machen. Von Erbsen und Reis als Musikträger wird da erzählt, von höchsttalentierten Multiinstrumentalisten. Und auch das scheint uns ein Grund für die Begeisterungsfähigkeit des Publikums. Hier werden zwei Jahre harte Arbeit goutiert, das Ensemble ist ein zentraler Baustein für das Gelingen des ganzen Projekts. Sie sind in der Inszenierung nicht nur Musiker, sondern übernehmen auch die kurzen Performance- und Schauspiel- und Chor-Elemente. Und ganz nebenbei haben sie ihre neuen Instrumente und ein neues Tonsystem einstudiert.

Die Musik, da sind wir uns einig, war nicht sonderlich gewöhnungsbedürftig. Sie war nie atonal, sondern immer melodisch und eingängig rhythmisch bis hin zu einer mantraesken Monotonie. Ihr revolutionärer Geist kommt aus der Verweigerung Partchs, sich an westliche musikalische Standards zu halten und aus seiner großen Lust mit allem zu experimentieren, was Töne erzeugt.

Das Essen ist in der Zwischenzeit schon längst fertig und verspeist, der reservierte Künstlerstuhl an unserem Tisch blieb allerdings leer. Als uns das auffällt, haben wir kurzfristig den Nachbartisch in Verdacht, gleich zwei Künstler im Gespräch zu halten. Aber ob mit Künstler oder ohne: die Freitagsküche war erfüllt von Gesprächen über Kunst und Kultur und hat damit ihr Ziel voll erreicht.

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