kitev: Der Turm

| Foto: Michael Blatt

Christoph Stark öffnet die Tür zum Büro von kitev – Kultur im Turm. Auf den ersten Blick sieht es hier mehr nach einer WG denn nach der Schaltzentrale für eine der bemerkenswertesten Restaurierungen des jüngeren Ruhrgebiets aus. In der Küche stapelt sich das Geschirr. „Wollen wir übers Dach gehen?“, fragt Christoph, und ohne die Antwort wirklich abzuwarten, steigen wir zusammen mit Stefan Schroer und Agnieszka Wnuczak über Feuerleitern direkt in die dritte Etage des Oberhausener Bahnhofsturms.

Kurz vor der Eröffnung des „Labor für außergewöhnliche Maßnahmen“ liegt noch reichlich Arbeit an. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Fußböden werden verlegt, Steckdosen montiert und Wände gestrichen. Wo einst u. a. Schlafkabinen für Zugpersonal eingerichtet waren, entstehen in zwei Jahren Bauzeit Büro-, Wohn- und Ausstellungsräume. Rein ökonomisch betrachtet eigentlich völliger Quatsch, denn die komplette Kernsanierung der Etagen 3 bis 6 kostet doppelt so viel wie ein Neubau. Warum also all der Aufwand, ein denkmalgeschütztes und gleichzeitig völlig heruntergekommenes Gebäude wieder nutzbar zu machen? „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass es auch anders geht, dass man in dieser Stadt attraktive Orte schaffen kann“, beschreibt Christoph Stark die eigene Motivation.

10 Prozent Muskelhypothek

Agnieszka Wnuczak, Christoph Stark, Stefan Schroer (v. li.); Foto: Michael Blatt

„Der Turm ist uns gewissermaßen erfahren“, erzählt der geborene Südtiroler die Geschichte, wie er und Agnieszka 2005 von Berlin nach Oberhausen gekommen sind, um mit weiteren Mitstreitern das Projekt „Museumsbahnsteig“ zu realisieren. Anschließend gründete sich der Verein kitev, und es begann die lange Zeit der Machbarkeitsstudien und Förderanträge. Ende 2010 dann der Durchbruch, als über die Landesmaßnahme „Initiative ergreifen“ die Zusage kam, 80 Prozent der insgesamt auf 630 000 Euro kalkulierten Umbaukosten zu übernehmen. Die restlichen 20 % schultern je zur Hälfte RUHR.2010-Mittel der Stadt Oberhausen und eine Eigenleistung des Vereins, die dieser vor allem in Form von Muskelhypothek, sprich selbst mit anpacken ableistet.

Zusätzlich gelang es kitev, die Schwäbisch Hall-Stiftung als Förderer und weiteres Sponsoring seitens mehrerer Handwerksbetriebe zu akquirieren. „Die Unternehmen wissen, was es bedeutet, was wir hier machen“, freut sich Agnieszka Wnuczak über den außergewöhnlichen Zuspruch seitens der Fachbetriebe. Eine Firma habe gar die komplette Fußbodenheizung für drei Etagen zur Verfügung gestellt, die in Zukunft dafür sorgt, dass die Betriebskosten für den Turm überschaubar bleiben.

Die Zeit steht still

Christoph Stark zeigen die mit der Zeit entstandenen Partnerschaften, wie viel sich über gemeinschaftliches Engagement erreichen lässt. Gerade in einer Stadt wie Oberhausen, die allzu oft als Beispiel für die fragile Situation des Ruhrgebiets mit seinen überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenzahlen und aufgrund massiver Schulden von der Bezirksregierung in Arnsberg mit Haushaltssperren versehenden Kommunen herhalten muss. Mitunter aber sind es auch nur kleine Details, die exemplarisch für die Situation einer Region stehen können. Christoph kommt auf die beiden überdimensionalen Uhren an der Fassade des Bahnhofsturms zu sprechen, die jahrelang außer Betrieb waren. „Du fährst in eine Stadt rein und die Zeit steht still.“ Für ihn ein unbefriedigender Zustand, den er mit einigen Handgriffen im Laufe der Turmrestaurierung beseitigte.

„Sag mal was!“, fordert Christoph mich auf. Wir sind mittlerweile in der 6. Etage angelangt und stehen in einem von zwei riesigen leeren Wassertanks, die einst den nötigen Nachschub für die Dampfloks lieferten. Als ich es aus Mangel an sinnreicher Ideen mit einem kräftigen „R-W-O“ versuche, hallt das „O“ hörbar nach. Bereits 2004 entdeckte eine Gruppe um Sandro Catallo das Klangpotenzial des Raums und konstruierte die Sound-Installation „Tank FX“. Mehr als 19 000 Samples sind seitdem mit Hilfe des nicht-virtuellen Halleffekts entstanden. Derzeit aufgrund der Umbaumaßnahmen abgebaut, soll „Tank FX“ Ende nächsten Jahres wieder in Betrieb genommen werden.

(c) kitev

Meter machen

Viele Oberhausener wissen bis heute gar nicht, dass die Wassertanks überhaupt existiert. „Wie wenig man von der eigenen Stadt kennt“, runzelt denn auch ein Handwerker, dessen Firma im Stadtteil Lirich beheimatet ist, während der Maloche im Turm die Stirn. Sein Kollege zeigt sich über das besondere Anforderungsprofil von kitev verwundert. Denn während andernorts in der Regel nach der kostensparenden Devise „Meter machen“ gewerkelt wird, legen die kitev-Protagonisten viel Wert aufs Detail. Ein Anspruch, der nicht von ungefähr kommt. Wnuczak hat in Berlin Architektur, Stark Bildende Kunst studiert. Im Zweifel werden Decken doppelt gestrichen, Kabel noch mal neu verlegt. Freunde von Christoph aus Italien widmen sich den Wänden der Büro- und Atelierräume mit einer ausgefeilten Wischtechnik, der die deutschen Kollegen einerseits handwerklichem Respekt zollen, gleichzeitig aber über den Zeitaufwand den Kopf schütteln lässt.

Wieder auf dem Vordach zeigt Agnieszka mit einem Lächeln auf das gegenüberliegende Haus und den an der Fassade angebrachten Schriftzug: „Oberhausen – Wiege der Ruhrindustrie“. Ein wehmütiger Verweis auf das alte Oberhausen. Im Gebäudeinneren bildet das Hans-Böckler-Berufskolleg Bürokaufleute und Steuerfachangestellte von morgen aus.

Wir klettern zurück in die erste Etage und setzen uns noch auf ein Glas Wasser in die Küche. Weniger schwindelfreie Besucher und Nutzer des Turms werden die oberen Etagen ab der offiziellen Einweihung am 7. September über das „Leerstand“ getaufte Ladenlokal im Erdgeschoss erreichen können.

Residenzprogramm

Und wie geht es nach dem Eröffnungsfest weiter? „Mit einer guten, funktionierenden Struktur ist alles möglich“, sieht Stefan Schroer jede Menge künstlerisches Potenzial im Turm schlummern. Ab Mitte nächsten Jahres ist etwa ein Residenzprogramm geplant, mit dessen Hilfe Gäste über einen längeren Zeitraum im Turm wohnen und Projekte entwickeln können. Ansonsten ist Schroer, in der Vergangenheit u. a. beim FFT in Düsseldorf und dem Verein Theater Arbeit Duisburg involviert, froh, demnächst auch selbst wieder verstärkt künstlerisch gefordert zu werden. Bis es aber soweit ist, warten aber noch ein paar grundsätzliche Aufgaben auf das kitev-Team. Erster Arbeitsschritt im Anschluss an das Interview: Spülberg abbauen.

kitev
Willy-Brandt-Platz 1
D-46045 Oberhausen

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