2PacAmaruHector: Geiselnahme in Neuss

Arglos überqueren Passanten den malerischen Platz vor der blütenweißen Alten Post auf der Neusser Neustraße, während im Bauch des Kulturzentrums die Hölle tobt. Über hundert Menschen in Geiselhaft! Bald werden sich neben Polizei und Sondereinsatztruppen sensationslüsterne Medienvertreter auf der Hatz nach blutigen Bildern hier versammeln.

Beschaulich wollte die ortsansässige Firma Telematics kurz vor Weihnachten gemeinsam mit geladenen Gästen die Übernahme durch den japanischen Großkonzern Misashimoto Inc. feiern, als Hector Pandotero alias Chris Faber (Ernst Geesmann), Anführer der „Rheinischen Bewegung Tupac Amaru“ die Idylle radikal stört. Schon sitzen Besucher der Aufführung „2PacAmaruHector“ mitten im Geschehen, finden sich als Mitgefangene wieder, starren in Revolvermündungen, erleben verstörende Scheinhinrichtungen. An Hectors Seite kämpft dessen Freundin Mina, temperamentvoll und dicht an einer fleischgewordenen Lara Croft gespielt von Vanessa Harbrecht.

Die Ideale dieser Mikro-Terror-Zelle dürften auch das intensiv multimedial und auf 360 Grad umspielte Publikum berühren: Kampf der Globalisierung, Arbeitslosigkeit, sozialen Ungerechtigkeit und krank machenden Anforderungen der Leistungsgesellschaft. Die leidenschaftliche Betriebsratsvorsitzende Hannelore Ohlischläger (Karin Gunasegaran) ist spätestens nach der Aufdeckung brisanter Übernahme-Details überzeugt. Und auch in Pressesprecherin Dr. Norma Tergreve (Kerstin Gierse) wächst neben Zweifeln am System die Sympathie für ihre Geiselnehmer. Indes bemüht sich die leitende Kriminaldirektorin (Traudel Pothen-Salvati) unermüdlich um Verhandlungsbereitschaft, während die Medien, personifiziert durch Jochen Langenbach als schön aalglattem TV-Moderator Heiner Brenner, Talk-Shows und Interviews inszenieren, als hätten sie seit Gladbeck nichts gelernt. Das kann mit Angela Merkels Pseudo-Auftritt eigentlich nur alternativlos enden …

„2PacAmaruHector“ ist eine explosive Theaterfassung des gleichnamigen Romans von Enno Stahl. Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit dem Schauspieler, Regisseur und Autor Stefan Filipiak. Als Dozent an der Schule für Kunst und Theater „Alte Post“ machte Filipiak die talentierten Amateure topfit für diesen brisanten Einsatz.