Düsseldorf Festival: Altstadt und anderswo

Artistik aus Kanada: Les 7 doigts de la main | Foto: Lionel Montagnier

Das Kulturleben einer Stadt ist ständiger Veränderung ausgesetzt. Gott sei Dank, möchte man sagen. So kann man als Besucher immer etwas Neues entdecken: neue Veranstaltungsorte, neue Reihen, Konzepte und Künstler. Aber bei all dem Wechsel gibt es auch Konstanten. Das düsseldorf festival! ist so eine, auch wenn sich der neue Name in der Landeshauptstadt noch nicht so richtig durchgesetzt hat, und viele nach wie vor aus guter alter Gewohnheit vom „altstadtherbst“ sprechen.

Nominelles Verwirrspiel hin oder her: Das Festival für Performing Arts geht in diesem Spätsommer bereits ins 23. Jahr. Ins Leben gerufen wurde es 1990, damals noch aus dem Wunsch heraus, die Altstadt möge nicht ausschließlich mit Sauf-Exzessen und Junggesellenabschieden in Verbindung gebracht werden, sondern eben auch mit Kultur. Am künstlerischen Ruder waren seinerzeit die gleichen Personen wie heute: Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen. Auch für dieses Jahr hat das Intendanten-Doppel wieder zahlreiche Künstler aus aller Herren Länder und unterschiedlichsten Genres geladen. Sie alle sollen zwischen dem 18. September und dem 6. Oktober für eine kulturelle Belebung sorgen – in der Altstadt und anderswo in Düsseldorf.

Free your mind and your ass will follow

Das Herz des Veranstaltungsreigens ist natürlich nach wie vor das Theaterzelt auf dem Burgplatz. Dort steigt am 21.9. Amp Fiddler auf die Bretter, ein Mann mit viel Liebe zur schwarzen Musik, zum Jazz, Blues und Motown, aber auch zu Beats und Breaks. Der Sänger und Keyboarder agierte bei Prince und Seal im Background-Chor, bevor er mit über vierzig seine Solokarriere startete. Seitdem verführt seine Melange aus derben Grooves und schmachtenden Vocals neben dem Zuhören auch zum Tanzen. Keiner bringt diese Wirkung so schön auf den Punkt wie der Meister selber: „Free your mind and your ass will follow“. Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass im Zelt am Burgplatz getanzt würde. Bei einem Auftritt der rumänischen Brass Band Fanfare Ciocarlia wurden vor einigen Jahren die Sitzkissen kurzerhand zu Frisbeescheiben umfunktioniert, während die Zuschauer sich in wilden Tänzen verloren. Am Abend nach dem Gastspiel von Amp Fiddler dürften die Hinterteile dann wohl auf den Sitzen bleiben, vor Entsetzen gelähmt sozusagen. Der Schauspieler Matthias Brandt, dekoriert mit mehreren Grimme-Preisen, bringt unterstützt von Jens Thomas ein Best of Hitchcock auf die Bühne. Das kommt allerdings ganz ohne Bewegtbild aus und vielmehr als inszenierte musikalische Lesung daher. Letztere lässt durchaus Raum für Improvisation, und den weiß der Ausnahmeschauspieler und Politikersohn garantiert zu nutzen.

Deutschlandpremiere: Les 7 doigts de la main

Als Deutschlandpremiere, eine von insgesamt fünf beim diesjährigen Festival, ist zwischen dem 26. und 28.9. die neue Show von Les 7 doigts de la main zu erleben. Die Artisten aus Kanadas Nouveau-Cirque-Schmiede Montreal nehmen in „Sequence 8“ ihr Publikum mit auf einen rasanten Trip ins Reich der Gefühle: Seiltanz, Jonglage, Clownerie und Skateboard-Acts bleiben bei den Kanadiern nie pure oberflächliche Aktion, sondern verschmelzen zu einer intensiven Erzählung. Zugehört werden darf auch am 29.9., dann allerdings sind die Geschichten in ein musikalisches Gewand verpackt: „Beautiful Africa“ heißt das aktuelle Album von Rokia Traoré, die ihre Wurzeln auf dem schwarzen Kontinent hat. Fernab aller Weltmusikkonventionen mixt sie am 29.9. die Klangfarben des Sahels mutig mit europäischem Indierock und dürfte so das Publikum im Theaterzelt in kürzester Zeit für sich einnehmen. Bei „Plan B“, zu sehen zwischen dem 1. und 3.10. in der Hauptspielstätte am Burgplatz, bildet derweil eine schiefe Ebene das Zentrum des Bühnengeschehens, die für die Akteure schier unüberwindbar zu sein scheint.

Fernab aller Weltmusikkonventionen: Rokia Traoré, Foto: Mathieu Zazzo

Minihörspiele und Illusionistisches

Aurélien Bory, Direktor der französischen Compagnie 111, und der New Yorker Avantgarde-Regisseur Phil Soltanoff treiben ein Verwirrspiel mit Erscheinen und Verschwinden und kombinieren dabei Zirkus, Tanztheater, Akrobatik und Illusionistisches. Am Ende kann der Zuschauer bei all dem schon mal vergessen, wo oben und wo unten ist. Das geht auf der krawalligen Bolkerstraße auch, da ist die Orientierungslosigkeit allerdings meist dem Konsum von Hochprozentigem geschuldet. Mitten auf der Junggesellenabschiedsmeile bricht das Heine-Haus eine Lanze für Literatur. So auch am 29.9., wenn drei Schauspieler aus den sogenannten „Wurfsendungen“, maximal 45 Sekunden langen Minihörspielen, vorträgt. Über 2 000 davon sind bei Deutschlandradio Kultur seit 2004 über den Äther gegangen. Wie sie in einem rund 75-minütigem Live-Marathon wirken, gilt es zu überprüfen.

... und anderswo

Wie eingangs bereits erwähnt, gehen – dem ursprünglichen Namen und Ansinnen zu Trotz – nicht alle Veranstaltungen in der Altstadt über die Bühne. Zwei Ausflüge in andere Veedel seien hier genannt und empfohlen: Am 20.9. entern vierzig Musiker und ein Jazztrio das Foyer des Landgerichts im Stadtteil Oberbilk, um an diesem ungewöhnlichen Ort die Kompositionen des Italieners Nicolao Valiensi erschallen zu lassen. Mit nur einer Dame kommt ein mit „Encore“ überschriebener Abend aus, der am 28. und 29.9. im tanzhaus nrw zu erleben ist. Eugénie Rebetez, die auf dem Pressefoto einen Gesichtsausdruck zwischen Katerkopfschmerz und Wutanfall zum Besten gibt, gilt als das neue Talent der Schweizer Tanztheaterszene. Ihre One-Woman-Show kommt in diesem Rahmen erstmals in Deutschland zur Aufführung. Und so ist das düsseldorf festival! selber zwar eine Konstante. Aber eine, die Jahr für Jahr wieder zu überraschen weiß.

Katerkopfschmerz oder Wutanfall: Eugénie Rebetez, Foto: Augustin Rebetez