Bodo Goliasch über Hermann Harry Schmitz

Zurück auf die Straße

Vor über hundert Jahren setzte der Düsseldorfer Schriftsteller Hermann Harry Schmitz seinem von einer unheilbaren Tuberkuloseerkrankung gezeichneten Leben ein Ende. Der Meister der Groteske, der sein Debüt in der satirischen Wochenschrift „Simplicissimus“ veröffentlichte, ist nahezu unbekannt geblieben und gilt bis heute als Geheimtipp für Freunde des subtilen Humors. Ein Literaturabend der besonderen Art findet in diesem Monat im zakk statt, wenn zwei zeitgenössische Originale Geschichten des „Dandys vom Rhein“ zum Besten geben: der Hamburger Postpunk-Entertainer und „Dorfpunks“-Autor Rocko Schamoni und Bodo Goliasch, bekannt als Sänger der legendären Düsseldorfer Band Stunde X und eine Hälfte des Duos Bo & Bodo. Michael Wenzel traf Goliasch in den Vorbereitungen zur Lesung auf ein Gespräch über die Faszination für den Autor, sein zeitloses Werk sowie Wege, Schmitz den Menschen nahe zu bringen.

Welche Beziehung hast du zu Hermann Harry Schmitz?

Ich kenne ihn schon ewig. Hermann Harry Schmitz habe ich schon immer gerne gelesen. Ich hatte einmal einen Auftritt mit Bo & Bodo in Peter Rübens Fernsehsendung „Happy Hour“. Da war auch die Hermann-Harry-Schmitz-Societät zu Gast. Die ging mir gegen den Strich, denn die hatte so etwas Vereinsmeierisches, etwas Elitäres. Nach unserem Auftritt habe ich vor laufender Kamera gesagt, dass Hermann Harry Schmitz unseren Auftritt bestimmt toll gefunden hätte. Da ging ein Raunen durch den Raum.

Woher kennst du Rocko Schamoni? Wie habt ihr eure gemeinsame Liebe zu Hermann Harry Schmitz entdeckt?

Rocko war bei Fabsis Weserlabel untergekommen, wo Stunde X 1988 die erste Platte „Graf Porno reitet für Deutschland“ rausbrachten und zeitgleich auch Rocko sein Debüt „Vision“. Dann gab es diese Tour namens „We Are The Champions“, gemeinsam mit Rumble On The Beach, die mit der Coverversion von Princes „Purple Rain“ einen Hit hatten. Da habe ich Rocko kennengelernt, und wir lagen überbaumäßig auf der gleichen Wellenlänge. Aussagen zu machen, die keinen Sinn ergaben – da hatten wir totalen Spaß dran. Auf der Bühne, hinter der Bühne, wir haben das total ausgelebt. Ich habe Rocko immer gesagt: Lies mal Hermann Harry Schmitz. In der Zeit danach habe ich Rocko regelmäßig getroffen, immer wenn er in der Stadt war. Vor seinem Auftritt sind wir gemeinsam Schwimmen oder Essen gegangen und haben danach gefeiert. Ich habe immer zu ihm gesagt, dass er Schmitz lesen sollte und eines Tages meinte er dann begeistert: „Warum hast du mir nicht vorher gesagt, wie gut der ist?“

Wie empfindest du den Umgang der Stadt Düsseldorf mit dem Schriftsteller?

Was mich zum Beispiel an der Societät gestört hat ist, dass sie Hermann Harry Schmitz als großen Düsseldorfer für sich vereinnahmt hat. Es gibt keine großen Düsseldorfer – außer Heinrich Heine, der wie Schmitz mit Vornamen Harry hieß, Kraftwerk und den Toten Hosen vielleicht. Die werden ja andauernd genannt. Auf einmal wurde dieser Schriftsteller entdeckt. Das fand ich total irrelevant, denn das spielt keine Rolle. Ich fand das toll, dass der Düsseldorfer ist, finde ihn aber in erster Linie zum Piepen und kann immer über seine Geschichten lachen – dabei sind sie fast hundert Jahre alt! „Die Bluse“ zum Beispiel: Da geht es um einen Mann, der in ein Kaufhaus geht und dort Wochen, ja Monate verbringt. Er geht auch auf die Kö, ohne sie ausdrücklich zu nennen. Er geht auf „die Flaniermeile“. Die Leute dort sind so schick, dass ihnen ihr Schicksein zu Kopfe steigt und ihre Köpfe schließlich explodieren. Es gibt diesen schönen Turm, einen alten Uhrturm auf der Grafenberger Allee. Das ist ein Hermann-Harry-Schmitz-Museum mit total blöden Öffnungszeiten. Ich war im Stilwerk nahe der Kö: Da wurden Manuskriptseiten ausgestellt, die Hermann Harry Schmitz geschrieben hat, sein Füller und ein Glas, aus dem er vermutlich mal Wasser getrunken hat. Beim Bücherbummel auf der Kö gab es eine Theateraufführung. Das alles ist, so glaube ich, nicht das, was Hermann Harry Schmitz wollte. Er gehört nicht auf die Kö oder ins Museum: Er gehört auf die Straße. Den Schriftsteller Hermann Harry Schmitz den Leuten nahe bringen – das ist ihm vor hundert Jahren leider nicht selbst gelungen. Das will ich jetzt mit Rocko schaffen!