Kohlestaub und Herzblut: Zu Besuch im Trainingsbergwerk

Uwe Reichelt kontrolliert mit einem Draisinenfahrrad den Schacht. | Foto: Dominique Schroller

Der Bergbau hat jahrhundertelang das Leben der Menschen im Ruhrgebiet bestimmt, war Taktgeber des Alltags. Im kommenden Jahr geht diese Ära zu Ende. Das Trainingsbergwerk der RAG in Recklinghausen dient nicht mehr der Aus- sondern nur noch der Weiterbildung.

Hinter der dicken Stahltür öffnet sich eine andere Welt. Die Luft im Schacht ist staubig, aber nicht stickig. Denn statt 1000 Meter in die Tiefe zu fahren, arbeiten die Kumpel hier nahezu oberirdisch. Sie bekommen Schulungen in Sicherheits- und Sprengtechnik oder testen Maschinen für den Bergbau. „Die künftige Marsdrohne hatten wir schon hier, denn sie kann dreidimensionale Aufnahmen von Schächten machen, in die dann kein Mensch mehr hinein muss. Und Studenten der RWTH Aachen forschen bei uns zum Kollisionsschutz“, erläutert Uwe Reichelt. Der Fachleiter für Öffentlichkeitsarbeit führt im Jahr rund 7000 Besucher durch den laufenden Betrieb „Wir können die gesamten Prozesse unter Tage hier auf kleinem Raum darstellen. In einem Bergwerk wäre es gar nicht möglich, das alles zu sehen, weil die Dimensionen viel zu groß sind.“ Der gelernte Elektriker weiß, wovon er spricht, er hat selbst 20 Jahre im Bergbau gearbeitet. „Damit bin ich ein Dinosaurier, eine aussterbende Art.“

Schicht im Schacht

Foto: Dominique Schroller

Wie es sein wird, wenn 2018 die beiden letzten Zechen in Ibbenbühren und Bottrop schließen, das kann er sich noch gar nicht vorstellen. „Dann erzähle ich nur noch Geschichten. Doch so weit bin ich noch gar nicht, dass ich das begriffen habe.“ Er ist sich sicher, dass dann auch die härtesten Kumpel weich werden. Denn mit der letzten Schicht im Schacht endet ihr Berufsstand. „Wer mit Herzblut dabei ist, für den ist das nur schwer zu verstehen“, betont Uwe Reichelt. Seine Begeisterung ist spürbar, sobald er in Helm und Fahrmantel die geschotterte Strecke hinabschreitet. Vor einer imposanten Maschine, die sich in den niedrigen Streb duckt, bleibt er stehen. „Diese Walze eines Bochumer Herstellers schneidet die Kohle aus dem Flöz heraus“, erläutert er und deutet auf die scharfen Zähne am Maul des gefräßigen Ungeheuers. Das zwölf Meter lange und 42 Tonnen schwere Gerät, das sich mit einer Marschgeschwindigkeit von rund neun Metern pro Minute vorarbeitet, ist voll funktionsfähig, aber schon in Rente. „Unser moderner Walzenlader ist acht Meter länger, doppelt so schwer und schafft 35 Meter in der Minute“, berichtet Uwe Reichelt. Ihr kleiner Bruder ist der Kohlehobel. Das Monster mit dem messerscharfen Gebiss fährt, begleitet von einem Höllenlärm, an der Kohle entlang und schält sie in den niedrigen Flözen aus der Wand. Es arbeitet vollautomatisch, aber nicht unbeobachtet. „Wir fahren nicht mannlos, weil sich immer etwas verklemmen kann.“

In gebückter Haltung folgt er der Förderkette bis zur nächsten Kreuzung. „Hier treffen mit Strecke und Steig zwei künstliche Öffnungen aufeinander. Das ist aufgrund des Gebirgsdrucks einer der gefährlichstenOrte und gleichzeitig der wärmste Punkt.“ Schwitzen gehört im Berg zum Tagewerk. Die 45 bis 50 Grad Celsius im Inneren der Erde kühlen große Maschinen zwar auf effektive 31 Grad Celsius herunter, die Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent schafft jedoch tropische Verhältnisse. „Es fühlt sich so an wie in einer Sauna nach dem Aufguss“, sagt Uwe Reichelt. Entsprechend kraftraubend ist der Einsatz unter der Erde. Ein Bergmann verbraucht täglich rund 4000 Kalorien und verliert etwa fünf Liter Flüssigkeit. „Im Urlaub ist es wichtig, die Ration von zwei Schnitzeln mit Kartoffeln etwas zu reduzieren, sonst setzt das sofort an“, sagt der 54-Jährige mit einem Grinsen. Die Familientradition in vierter Generation fortzuführen, war für ihn selbstverständlich, die Kameradschaft für ihn entscheidend. „Wir haben unsere Ziele zusammen erreicht und das zeichnet uns heute noch aus. Deshalb hätte ich mir nie vorstellen können, etwas anderes zu machen.“

Kontrollfahrten auf Schienen

Er biegt mit den schmalen Schienen um eine Kurve und bleibt vor einem Draisinen-Fahrrad stehen. Anstellen von Reifen hat es breite Metallräder, auf denen es wie eine Straßenbahn über die Gleise rollen kann. „Das nutzen wir für Kontrollfahrten“, berichtet Uwe Reichelt und macht es sich hinter der kleinen Ladefläche bequem. Mit einem Tritt in die Pedale setzt das kleine Gefährt sich in Bewegung. Handliches lässt sich damit zügig zum nächsten Kumpel bringen, Schwergewichte befördert die Laufkatze mit Leichtigkeit. „Sie wird in der Regel gehätschelt und gepflegt, denn ohne sie geht gar nichts.“ Die schmale Hubvorrichtung, die an Schienen von der Decke hängt, kann bis zu drei Tonnen heben und an Ketten durch die Unterwelt transportieren. Ihr bulliger Verwandter, der Dieselkater – eine Art Schwebebahn – bringt Mensch und Material zu ihrem Ziel.

Obwohl die Maschinen im Bergbau längst die Macht übernommen haben, gibt es in einer kleinen Nische noch einen Rest Nostalgie aus den Zeiten von Spitze, Hacke, Zipfelmütze. Wie damals halten dort dicke Fichtenstämme die niedrige Decke. „Wenn sie anfingen zu knirschen, wussten die Kumpel, dass sie laufen mussten. Doch als 1903 der Presslufthammer die Hacke ersetzte, war es mit dem Holzausbau vorbei und die Eisenstempel setzten sich endgültig durch“, berichtet Uwe Reichelt. Seine Unter-Tage-Welt über Tage ist auch bei Filmteams als Kulisse beliebt. „Alarm für Cobra 11, Balko, der letzte Bulle und das Wunder von Bern haben wir hier schon gedreht. Da wir kein Methangas haben, können die Kamerateams sich gefahrlos bewegen.“ Wieviele Szenen im Trainingsbergwerk Recklinghausen noch abgedreht werden, ist so ungewiss wie die Zukunft des Geländes. Die Ruhrkohle AG kann es aus Kostengründen nicht weiterführen, Stadt und Land haben bereits signalisiert, die Anlage erhalten zu wollen. Eine Entscheidung soll aber erst Ende des Jahres fallen. Bis Dezember 2018 haben Besucher in jedem Fall noch Gelegenheit, hinter der dicken Stahltür in eine fremde Welt zu blicken. Dominique Schroller

Wanner Straße 30, Recklinghausen