Ritterschaft Wolfskuhle: Zeitreise in der Freizeit

Mönch Roger Kämper | Fotos: Dominique Schroller

Wenn sie ihre schlichten Gewänder überstreifen, verlassen sie die moderne Komfortzone und tauchen in eine vergangene Epoche ein. Das einfache Leben des Hochmittelalters fasziniert die Ritterschaft Wolfskuhle – für begrenzte Zeit.

Der Burghof ist von lebendiger Geschäftigkeit erfüllt. Einige Knappen kreuzen klirrend die Klingen und umtänzeln einander leichtfüßig, ohne den Gegner aus den Augen zu lassen. Mägde schaffen Kohl, Rüben und Zwiebeln herbei, eine Weberin lässt das Schiffchen zwischen den Kettfäden hin und her sausen – nur der Mönch hat sich auf einem Mauervorsprung in eine erbauliche Lektüre vertieft.

Der Mönch

Bruder Roger ist für das Seelenheil der Truppe verantwortlich. „Dazu gehören gemeinsame Gebete, ab und zu versuche ich mich an einer kleinen Messe“, sagt der kräftige Mann in schlichter Kutte und mit dem Kreuz um den Hals bescheiden. Er ist ein Spätberufener. „Als ich vor zwölf Jahren zur Ritterschaft Wolfskuhle stieß, gab es noch keinen Geistlichen und da die anderen mir die passende Figur nachsagten, bin ich Mönch geworden“, berichtet der 57-Jährige. Vieles musste er sich mühsam aneignen, um den neuzeitlichen Protestanten Roger Kämper in den katholischen Ordensmann des Mittelalters zu verwandeln. „Dabei habe ich viel gelernt. Wenn mir jedoch vorher jemand gesagt hätte, dass ich mir Gewand, Gürtel und Schuhe selbst nähe, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, betont der Hagener. Ihn faszinieren inzwischen die alten Handwerkstechniken und das einfache Leben des zwölften Jahrhunderts. Bereitwillig kümmert er sich auch um das leibliche Wohl der Ritterschaft, wenn die eigentliche Köchin mit dem Färben von Wolle vollauf beschäftigt ist. „Heute gibt es einen deftigen Gemüseeintopf mit Möhren, Zwiebeln und Kohl, aber ohne Kartoffeln – die gab es damals noch nicht.“ Auch auf den morgendlichen Kaffee muss er als Mönch verzichten, denn die Bohnen für das schwarze Gebräu gelangten erst 500 Jahre später nach Europa. Elektrizität oder fließendes Wasser sind während der Lagerwochenenden auf den Burgen der Region ebenfalls tabu. „Wir versuchen, die Zeit so authentisch wie möglich zu leben“, sagt Roger Kämper. Für den Rechtsanwalt im öffentlichen Dienst sind diese Ausflüge Auszeiten vom Alltag und eine Besinnung auf das Wesentliche. „Den Stress von heute gab es damals nicht.“ Das Rad der Geschichte möchte er dennoch nicht zurückdrehen. „Dafür schätze ich die Annehmlichkeiten der Moderne zu sehr. Damals haben sich die Mönche in den Klöstern im Sommer 6000 Kalorien am Tag angefuttert, um den Winter überhaupt zu überleben. Denn die Zellen waren nicht geheizt und das war alles andere als gemütlich.“

Der Ritter

Als Dietrich von Volmarstein würde er längst in Frieden ruhen. „Mit zwölf Jahren hatte ich einen Blinddarmdurchbruch, das war damals absolut tödlich. Selbst wenn ich überlebt hätte, wäre ich mit meinen 53 ein Greis. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 40 Jahren“, berichtet Olaf Vohmann grinsend. Behände greift er zu Lanze und Schild und bringt sich gegen einen fiktiven Feind in Stellung. Das schwere Kettenhemd wiegt 15 Kilogramm, die rund 30 000 Metallringe hat der Ritter in mühevoller Handarbeit selbst zusammengefügt. „Das dauert mindestens drei Monate.“ Dazu kommen Kettenstrümpfe nach ähnlichem Verfahren, ein gepolsterter Wams, um die feindliche Schlagkraft abzumildern sowie Topfhelm, Schild und Schwert. „Wir stellen alles selbst her. Inzwischen gibt es vieles zu kaufen, doch als wir vor 20 Jahren angefangen haben, war das anders“, sagt Olaf Vohmann. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Ritterschaft und ist in sein mittelalterliches Ich hineingewachsen. „Zu Beginn haben wir viele Rollenspiele gemacht und mit der Kleidung hat sich der Charakter herausgebildet.“ Die Güte und Großzügigkeit des Dietrich von Volmarstein sowie seine unverbrüchliche Treue zum Erzbischof von Köln haben ihn besonders beeindruckt. „Diese Tugenden waren im Mittelalter keineswegs selbstverständlich. Die meisten Ritter waren Trunkenbolde und Frauenschänder.“ Zu Dietrich hatte der Hagener schnell eine intensive Beziehung. „In Volmarstein bin ich aufgewachsen und habe als Kind auf der Burgruine gespielt. Später wollte ich mehr über ihn erfahren und dann war schnell klar, dass das meine Rolle ist.“ Er lernte reiten, den Umgang mit Waffen, höfischen Tanz, gebührliches Auftreten den Damen gegenüber und von guter Rede zu sein. „Das Faszinierende ist die Vielfalt. Es haben sich immer wieder Türen geöffnet und mir neue Einblicke gewährt.“ Das Kämpfen überlässt er inzwischen lieber den Jüngeren.

Die Weberin

Konzentriert lässt Regine Birkelbach das hölzerne Schiffchen durch die bunten Kettfäden tauchen und mustert kritisch ihr Werk. Das Band mit dem grün-gelben Muster soll später die Hosen ihres Mannes halten. „Das ist sehr aufwändig, doch für mich ist es eine fast meditative Arbeit“, sagt die 54-Jährige. Sie hat verschiedene Gewerke ausprobierte, doch die historische Webtechnik hat sie besonders begeistert. „Mit diesen kleinen Holzbrettchen lassen sich unzählige Muster herstellen“, sagt sie und deutet auf die schmalen Scheiben mit kleinen Löchern an unterschiedlichen Stellen. Ihre farbenfrohen Bänder halten Beinlinge in Position und Gewänder zusammen, dienen als Zaumzeug oder Tragegurt für Taschen. „Die persönliche Ausstattung war damals überschaubar. Zwei Gewänder aus Leinen und Wolle sind meine gesamte Garderobe“, berichtet die Bandweberin. Seit sie vor fünf Jahren ihrer Tochter in die Gemeinschaft folgte, bringt sie dem Luxus der Moderne weitaus größere Wertschätzung entgegen. „Im Mittelalter war der Alltag wesentlich mühseliger. Die Menschen waren von morgens bis abends mit lebenserhaltenden Maßnahmen beschäftigt.“ Als Frau war ihre Rolle klar definiert: Sie hatte zu arbeiten und zu gehorchen. „Niemand von uns möchte in diese Epoche zurück – schon gar nicht als Frau.“ Die Zeitreise macht das Mittelalter dennoch erlebbar. Dominique Schroller