Raue Schotten: Zu Besuch bei den Hochlandrindern in den Lippeauen

Die Hochlandrinder leben das ganze Jahr draußen. | Fotos: Dominique Schroller

Das Ehepaar Linnemann aus Werne züchtet seit 20 Jahren die Schotten mit lockigem Haar und langen Hörnern. Die Tiere grasen das ganze Jahr über in den Lippeauen und brauchen weder Kraftfutter noch Medikamente.

Ein schriller Pfiff von Erika Müller-Linnemann und schon kommt Bewegung in die Herde. Begleitet von vernehmlichem Muhen galoppieren die Tiere Richtung Tor. Die langen rotblonden Locken und die eindrucksvollen Hörner der Hochlandrinder wippen bei jeder Bewegung. An einem Engpass gibt es etwas Gerangel, denn alle möchten die Ersten sein. „Sie haben uns schon am Motorengeräusch des Autos erkannt“, sagt Erika Müller-Linnemann, während ihr Mann mit einem Sack auf der Schulter behände über das Gatter steigt und großzügig altes Backwerk austeilt. Brot und Brötchen verschwinden in gierigen Mäulern, wo kräftige Zähne sie genussvoll zermalmen. „Wir haben etwas gesucht, das Ihnen schmeckt. Kraftfutter sollen sie bewusst nicht bekommen, weil ich nicht sicher sein kann, was da genau drin ist. Das Altbackene kann ich einmal in der Woche abholen und wenn sie den Sack sehen, sind sie schon da“, berichtet Konrad Linnemann. Ihm ist es wichtig, die Herde an sich zu binden, um die Kälber stressfrei mit Ohrmarken zu kennzeichnen oder den Tieren nach EU-Vorschrift Blut abnehmen zu können. „Wenn wir nicht regelmäßig hier wären, würden sie verwildern.“

Ein kräftiger Galloway-Bulle.

Landschaftspflege hinter dem Deich

Konrad Linnemann hält seit 20 Jahren Hochland- und Galloway-Rinder und kennt jedes seiner Tiere. „Wenn eines fehlt, merke ich das sofort.“ Fast täglich besucht der Landwirt aus Werne die Herde im Naturschutzgebiet Lippeauen in Lünen. Dort grasen die robusten Schotten rund 50 Hektar Weideland ab, kühlen sich zwischendurch die Füße im Fluss oder legen sich unter den Bäumen zu einem Verdauungsschläfchen nieder. „Das Gelände ist ideal. Früher hatten wir kleinere Flächen, da mussten wir sie häufiger hin und her transportieren.“ Inzwischen betreiben die Tiere ganzjährig Landschaftspflege hinter dem Deich, lediglich im Winter versorgt der Landwirt sie zusätzlich mit selbstgeschnittener Silage von ungedüngten Wiesen. Die Rasse ist ebenso robust wie genügsam, braucht weder Stall noch Medikamente.

Konrad und Erika Linnemann mit Joe

Den langen Weg zum Schlachthof muss auch keines der Tiere fürchten. Bis zur letzten Sekunden verbringen sie ihr Leben unter freiem Himmel. „Sie bekommen wie immer ihre Brötchen in der Herde. Sie merken gar nicht, wenn ich schieße. Erst anschließend bringe ich sie zum örtlichen Metzger, um ihnen jeden Transport zu ersparen. Das alles geschieht völlig stressfrei und deshalb kann ich das Fleisch auch mit Genuss essen“, betont Konrad Linnemann. Er hat eigens einen Waffenschein gemacht, um seine Rinder selbst erlegen zu können. Da aus ursprünglich vier Exemplaren durch Zucht und Zukauf inzwischen 55 geworden sind und die Herde weiter wächst, muss er gelegentlich zum Gewehr greifen. „Gerade die Bullen bekämpfen sich sonst gegenseitig und treiben auch die Kühe zu stark .“

Das langsam gewachsene Muskelfleisch in Bio-Qualität ist schmackhaft und durchaus begehrt. „Wenn ich dem Metzger sechs Tiere bringe, ist nach drei Tagen alles verkauft.“Eine Ausnahmestellung genießt nur Joe. Sie ist nicht nur die einzige Schottin mit Namen, sondern auch unantastbar. „Sie bekommt bei uns das Gnadenbrot“, verspricht Erika Müller-Linnemann. Die 54-Jährige hat die Rotbraune mit dem sanften Blick ganz besonders ins Herz geschlossen. „Das war damals unser erstes Kälbchen, doch die Mutter hat sich nicht gekümmert und so haben wir Joe mit der Flasche aufgezogen und sind mit ihr spazieren gegangen, wie mit einem Hund.“ Das etwas zu große Haustier nach einem Dreivierteljahr wieder in die Herde zu integrieren, sei nicht einfach gewesen. Inzwischen fühlt sich die zahme Kuh unter den Artgenossen zwar zu Hausen, hat aber die besondere Fürsorge aus Kindertagen nicht vergessen und revanchiert sich auf ihre Art. „Wir haben sie schon zur lebendigen Krippe mitgenommen und zwischen den Zuschauern hindurchgeführt, die Enkel sind auf ihr geritten und ich habe auch schon draufgesessen. Sie ist bequem wie ein Sofa“, erzählt Erika Müller-Linnemann, während sie Joe liebevoll über den Schopf streichelt.

Von Auerochen zu Highlandern

An die Nähe zu den großen Tieren musste sich die gebürtige Kölnerin erst gewöhnen. „Da ich aus der Großstadt stamme, hatte ich anfangs Respekt, als wir damals das Auerochsen-Projekt für RWE betreut haben.“ Als dessen Zukunft in Frage stand, bekam das Ehepaar zum Ausgleich für finanzielle Ausstände vier Rinder. „Die haben wir gegen die Highlander eingetauscht, da die Rasse ruhig und sehr robust ist. Das war der Beginn unserer eigenen Herde“, berichtet Konrad Linnemann. Bereut hat der 64-Jährige diesen Schritt noch keine Sekunde – obwohl der Profit begrenzt ist. „Es kommt soviel dabei rum, dass es sich trägt und das genügt“, betont der Landwirt. Für ihn sind die vierbeinigen Schotten vor allem Leidenschaft. Stundenlang kann er durch die Auen streifen und die Tiere beobachten. Ganz unbefangen bewegt er sich auch mitten durch die Herde und wenn Galloways und Hochland-Rinder bei seiner Ankunft auf ihn zu galoppieren, geht ihm das Herz auf. „Das ist einfach ein imposanter Anblick.“ Dominique Schroller