Ruhrtriennale: Intendant Heiner Goebbels im Gespräch

Heiner Goebbels steht vor seiner letzten Saison | Foto: Wonge Bergmann/Ruhrtriennale

Heiner Goebbels hat eigentlich allen Grund, niedergeschlagen zu sein. Zum Zeitpunkt des Interviews mit Max Florian Kühlem hat die Stadt Duisburg gerade praktisch Zensur geübt und die Installation „Totlast“ des Künstlers Gregor Schneider abgelehnt. Trotzdem freut sich der Intendant auf seine dritte und letzte Ruhrtriennale-Saison und ist Feuer und Flamme für die Kunstorte des Ruhrgebiets. Vielleicht auch deshalb, weil die Stadt Bochum kurzfristig einsprang und nun doch ein Werk von Schneider bei der Ruhrtriennale zu sehen sein wird.

Im Duisburger Lehmbruck Museum wollten sie Gregor Schneiders Installation „Totlast“ realisieren. Das ist zwar ein Begriff aus der Technik, aber es schwingt in Duisburg auch die Assoziation an das Loveparade-Unglück mit. War das ein Grund, die Arbeit abzusagen?

Das war vielleicht das Motiv; als Grund ist das nicht haltbar, denn darauf ist die Arbeit überhaupt nicht zu festzulegen. Mich interessieren keine Kunstwerke, die eindeutig sind. Gregor Schneider baut im Wesentlichen leere Räume, die durch ihre Anordnung und Ausstrahlung den Besucher vor allem mit sich selbst und seiner eigenen Geschichte konfrontieren. Das steht für uns im Kontext der Arbeiten des letzten Jahres von Douglas Gordon, Forsythe, Ikeda oder Rimini Protokoll, die immer die Wahrnehmung des Zuschauers zum Zentrum hatten.

Wie hat der OB der Stadt Duisburg letztlich begründet, „Totlast“ abzusagen?

Er sagte: „Das Kunstwerk passt zum jetzigen Zeitpunkt nicht in diese Stadt.“ Aber wo kommen wir hin, wenn das ein OB für die Museums- und Festivalbesucher zu entscheiden glaubt. Unser Festivalpublikum, darunter auch viele Duisburger, können das sehr gut selbst. Das ist ein Angriff auf die Freiheit und Offenheit der Kunst. Ist eigentlich vom Grundgesetz garantiert …

Foto: Wonge Bergmann/Ruhrtriennale

Duisburg bleibt trotzdem ein wichtiger Ort für die Ruhrtriennale: Haben Sie vergangene Saison die Kraftzentrale im Landschaftspark Nord neu entdeckt?

Tatsächlich ist die Kraftzentrale eine große Herausforderung, die in der Vergangenheit nicht immer angenommen wurde. Mit „Stifters Dinge“ oder Ryoji Ikedas Installation „Test Pattern“ habe ich im letzten Jahr gemerkt, wie sie den Künstlern und dem Publikum gleichermaßen Kraft gibt. Das ist ein Raum, der hat eine ganz besondere Ausstrahlung, die dem, was darin an Kunst entsteht, offensichtlich gut tut.

Neben Ihrer Eröffnungsinszenierung von Louis Andriessens Musiktheater „De Materie“ wird in der Kraftzentrale auch Ihre Komposition „Surrogate Cities“ zu erleben sein. Inwieweit wird sie als „Surrogate Cities Ruhr“ für das Ruhrgebiet modifiziert?

Die Komposition selbst wird nicht modifiziert, sondern durch ein weiteres Stück ergänzt. Sie wurde überall auf der Welt aufgeführt – mehrmals von den Berliner Philharmonikern und auch von den Bochumer Symphonikern in der Jahrhunderthalle vor Beginn der Ruhrtriennale. Es ist eine Komposition, die sich in abstrakter, verallgemeinerbarer Weise mit Metropolen auseinandersetzt. Mit den Tempi der beschleunigten Entwicklung in den großen Ballungszentren, zu denen in Europa London, Paris, Rhein-Main gehören, aber auch das Ruhrgebiet.

Sie sehen die Region also als Metropole – so wie es zur Kulturhauptstadt 2010 kommuniziert wurde?

Von der Größe her auf jeden Fall, aber mit einem großen strukturellen Unterschied, den ich sehr schätze: Es handelt sich nämlich um eine polyzentrische Metropole, die kein eindeutiges Zentrum hat. Das empfinde ich als große Chance, denn ein Zentrum hat immer eine verdrängende Wirkung zu den Rändern hin. Aus der miteinander konkurrierenden Polyphonie der vielen Zentren kann hier eine Produktivität erwachsen. Mathilde Monnier, die französische Choreographin, wird mit rund 150 Akteuren aller Altersgruppen – Kinder, Erwachsene, Senioren – eine Bewegungsrecherche machen. Sie wird die Kinder beim Spielen beobachten, die Jugendlichen bei den Martial Arts oder beim Hip-Hop und die Senioren beim Gesellschaftstanz. Und aus diesen Bewegungen entwirft sie eine große Choreographie als Summe der vielen Stimmen der Metropole, in der wir leben.

Foto: Petra Kammann

Was würden Sie in einem Jahr gern über sich selber lesen, wofür Heiner Goebbels’ Ruhrtriennale gestanden hat?

Ich habe da keine Wünsche, und es wird auch keine klare Überschrift geben – darum habe ich mich ja redlich bemüht. Man wird aber vielleicht aus der Summe dieser drei Jahre und der unterschiedlichen Arbeiten in den Disziplinen, die keine mehr sind, gewisse ästhetische Grundhaltungen erkennen können. Die Abwesenheit eines Themas als Programm entsteht nicht aus Willkür oder aus dem Mangel an Ideen, sondern dahinter steht eine sehr dezidierte Auffassung von Theater, Musiktheater und Bildender Kunst.

Mussten Sie für diesen Standpunkt kämpfen, zum Beispiel dafür, statt Education-Programmen „No Education“ auf die Agenda zu setzen?

Nein, ich hatte das Vertrauen sowohl im Hause als auch in der Politik und habe es ja, glaube ich, auch nicht enttäuscht.

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