Gasometer Oberhausen: Ein langer Weg

Kult-Bottich | Foto: Thomas Machoczek

Als Jeanette Schmitz 1994 das erste Mal den gläsernen Fahrstuhl im Gasometer hochfuhr, der damals den Blick auf die erste Ausstellung „Feuer und Flamme“ freigab, dachte sie gleich: „Was für ein toller Raum!“ Seit jenem Jahr ist sie Geschäftsführerin der Gasometer Oberhausen GmbH. Zwei Jubiläen also und ein guter Grund für einen Rückblick.

Oberhausen in den 20er Jahren: Fördertürme, Eisenhütten und Kokereien prägen das Bild der Stadt. 1929 kommt nach zwei Jahren Bauzeit ein dicker Koloss hinzu, der’s (noch) nicht unbedingt schöner machte: Um das Gichtgas, das in der Gutehoffnungshütte erzeugt wurde, speichern zu können und damit die Kokereien zu befeuern, wird ein 117,5 Meter hoher und 67,6 Meter großer Scheibenglasbehälter in Betrieb genommen – der größte Europas. Nach dem Schließen der Kokerei wurde der Gasometer überflüssig und 1988 stillgelegt. Damals dachte eigentlich niemand daran, das ungewöhnliche Bauwerk für andere Zwecke zu nutzen. Ein Hochregallager sollte es werden, ein Planetarium oder ein Golfplatz waren auch mal im Gespräch, aber so richtig interessiert hat das eigentlich niemanden. Doch dann kam die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park, die von 1989 bis 1999 dem Pott sein neues, selbstbewusstes Gesicht verpasste. „Als IBA-Chef Karl Ganser mit der Idee der Umnutzung kam, hatte die Stadt Oberhausen schon die Abrissgenehmigung in der Tasche“, erzählt Jeanette Schmitz. Der Rest ist Ruhrgebietsgeschichte: „Es war ein langer Weg“, erläutert die Gasometer-Chefin, „es war ja damals noch ein verbotener Raum, der nur für Mitarbeiter zugänglich war.“

Feuer und Flamme

Ganz oben: Jeanette Schmitz | Foto: Thomas Machoczek

Der Berliner Architekt Jürg Steiner schuf schließlich mehrere Ebenen, Dachplattformen und Fahrstühle; die Scheibe wurde innen fixiert. Für 16,5 Millionen DM entstand die heutige Ausstellungshalle, 90 Prozent des Gelds kamen vom Land, der Rest von der RAG, die sich somit noch die Abrisskosten sparte. Und bei der ersten Ausstellung „Feuer und Flamme“ über die Geschichte der Region war sofort jedem der 460 000 Besucher klar: Man schaut sich nicht nur die Geschichte des Ruhrgebiets an diversen Exponaten an, man begeht sie auch gerade. Ob die Fußballausstellung „Der Ball ist rund“, die „Sternstunden“ mit ihrem „größten Mond der Erde“ von 25 Metern Durchmesser oder Christos „Big Air Package“ im vergangenen Jahr: Der Star ist nicht nur das Gezeigte, sondern auch das Zeigende. Wir nutzen den Raum vor allem als Ausstellungshalle, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen“, so Jeanette Schmitz, die mit spürbarer Begeisterung von „ihrem“ Industriegiganten redet. Theater und andere punktuelle Bespielungen seien zwar auch reizvoll, doch da man praktisch ohne Zuschüsse arbeitet, zu riskant. „Es ist toll, mit großen Künstlern wie Christo zusammenzuarbeiten“, erzählt die Geschäftsführerin, aber auch die Arbeit mit jungen Künstlergruppen sei ungemein spannend – etwa mit der Bremer Künstlergruppe Urbanscreen, die die Installation „320° Licht“ der aktuellen Ausstellung konzipiert hat: eine immer wieder überraschende Projektion aus schwarzen und weißen Punkten und Strichen, bei der man auf den Stufen des Zwischengeschosses sitzend einen spektakulären Raumeindruck erhält.

Architektonische Schönheit

Der Jubiläumstag am 16. August bietet nicht nur Gelegenheit, die aktuelle Ausstellung „Der schöne Schein“ zu erleben, die die verschiedenen Begriffe von Schönheit quer durch die Kunstgeschichte anhand von großformatigen Fotografien und Abgüssen erläutert (und die mit der umgebenden wiederentdeckten architektonischen Schönheit einen deutlichen Dialog eingehen). Im 2-Stunden-Takt gibt’s auch noch öffentliche Führungen, und in 100 Metern Höhe, warten ab 18 Uhr gastronomische Angebote und ein bis 22 Uhr verlängerter Blick in den abendlichen Ruhrgebietshimmel. Auch wenn das große Ziel Oberhausens, auch zum Weltkulturerbe zu gehören, noch in weiter Ferne liegt: Inzwischen sind die Besucher des Gasometers (geschätzt zwischen fünf und sechs Millionen) allesamt heilfroh, dass das mit dem Hochregallager doch nicht hingehauen hat.

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