Punk im Ruhrgebiet: Ein Buch von Bands und Bieren

Dennis Rebmann (31) und Philip Stratmann (30). Zwei Bochumer Jungs ziehen sich nicht aus wie die Kassierer, sondern ziehen aus, die vielfältige Punklandschaft im Ruhrpott zu erkunden. Biere pflastern ihren Weg, und am dicken Ende der aufreibenden Recherchen zwischen assigeilen Probebunkern und rattenscharfen Konzertkaschemmen steht jetzt ein äußerst schicker Schmöker: „Mit Schmackes! Punk im Ruhrgebiet“ erscheint am 1. September!

Moin mit oi! Der geniale Geistesblitz der beiden begeisterten Schreiberlinge wurde vor zwei Jahren auf einem Festival geboren: Auf dem Area-4-Festival auf dem Flugplatz Borkenberge in Lüdinghausen hatten Stratmann und Rebmann 2011 nicht nur viel Spaß, sondern eben auch die super Idee, endlich ein Buch über den Punk im Pott auf die Menschheit loszulassen. Angeregt durch den Erfolg des ähnlich gelagerten Werkes „Kumpels in Kutten“ (von Holger Schmenk und Christian Krumm) über den Heavy Metal im Ruhrgebiet lag es sozusagen auf dem Bierbauch, sich hier im Revier noch einem anderen Rockgenre zu widmen.

50 Interviews zu 15 Jahren Punk im Pott

„Der Werner Boschmann vom Henselowsky-Boschmann-Verlag ist ein echt cooler Typ. Der war von unserer Idee sofort begeistert und hat uns von Anfang an voll unterstützt“, erzählt Dennis beim gemütlichen Treff im sommerlichen Grün des Schrebergartens Bochum-Ehrenfeld. „Und es ist natürlich toll, all die Bands, die man seit, keine Ahnung, 15 Jahren eh privat hört, endlich mal persönlich zu treffen. Ob nun in einer urigen Eckkneipe in Wanne-Eickel oder in einem labyrinthischen Hochbunker in Duisburg.“ Philip ergänzt: „Wir haben ja fünfzig Interviews geführt und dabei nicht nur viel über die Bands gelernt, sondern auch über allerlei ,versteckte Orte’ im Ruhrgebiet. Wir haben unsere Heimat quasi noch einmal neu entdeckt und sehen sie jetzt zum Teil von einer ganz anderen Seite. Das soll halt auch beim Leser rüberkommen: Dass er nicht nur jede Menge über den Punk, sondern eben auch über seinen Pott erfährt.“

Der Punk im Ruhrgebiet an sich wurde genauso um 1980 und 1981 geboren wie die beiden Autoren, und um die Bands der ersten Stunde – wie die Upright Citizens, Die Wut, Artless, Bluttat und Die Richies – ranken sich nicht nur feucht-fröhliche Anekdötchen, sondern regelrechte Legenden, die von Dennis und Philip nach fleißiger Suche buchstäblich in „flüssigem“ Stil mit jeder Menge „Schmackes“ zu einem ebenso informativen wie unterhaltsamen Lesevergnügen verwurstet wurden. Weiter geht’s mit Brigade S, Emscherkurve 77, Rasender Stillstand, Defecation Area, 2nd District, Cotzraiz, The Vageenas, Sondaschule … der Namen sind viele, und noch mehr der Biere. Von alten Recken wie Vorgruppe bis hin zu jungen Spunden wie Prügel aus Witten, von eher lustigen Gesellen wie den Dödelhaien bis hin zu politischeren Aktivisten wie Paranoya: Hier gab es wahrlich einen großen Haufen mal praller, mal prolliger Musikhistorie zwischen Retro und Aggro abzumalochen. Da kann’s schon mal passieren, dass man nach einem Interview mit Operation Semtex mit sehr sehr seltsamen Asiasoßen und noch sehr viel seltsameren Getränkeflaschen im Rucksack wieder zu sich kommt, ohne eine Ahnung zu haben, wie die denn dort hinein gekommen sein könnten.

Apropos Anarchy in NRW: „Man kann schon erkennen, dass bei uns im Pott nicht ganz so oft die ganz ganz platten Parolen auf Platte verewigt werden. Slogans wie ,Jeden Tag ’ne gute Tat, heute scheiß ich auf den Staat!’ funktionieren in der Hamburger Hafenstraße vielleicht doch besser als hier im Revier. Die Bands aus hiesigen Gefilden sind insgesamt auf alle Fälle lässiger und irgendwie charmanter als die von anderswo“, stellt Philip im beschaulichen Schrebergarten-Ambiente fest, während er flugs ein weiteres Würstchen auf den rauchenden Grill bugsiert.

Sauf und Raufgeschichten

Eins ganz besonderes Großerlebnis, das den beiden ebenso schreibfreudigen wie trinkfesten Autoren zwischen all den illustren Sauf- und Raufgeschichten „auf ewig im Gedächtnis eingebrannt“ bleiben wird, stellte vor gut einem Jahr das spektakuläre „Strukturwandel Festival“ dar, das die „Heilige Dreifaltigkeit des Ruhrpottprollpunk“ Eisenpimmel, Die Lokalmatadore und Die Kassierer ausgerechnet im ostdeutschen Oschatz vereinte. Wobei auf der Fahrt im singenden klingenden Fanbus nach Sachsen doch schon so schnell neben den allseits gewohnten Bier- auch gehaltvollere Schnapsflaschen kreisten, dass man am Ende „das mit dem Gedächtnis wohl wieder revidieren muss“ und jene Nacht der Nächte letztlich wohl doch nur so zusammenfassen kann: Wer sich daran erinnern kann, war definitiv nicht dabei!

Für immer Punk: Neben den hochprozentig hochmusikalischen Punk-Protagonisten kommen natürlich auch Fanzines wie Moloko Plus, Scumfuck und Plastic Bomb, eine „meinungsstarke“ Internetseite wie „Bierschinken.net“, sagenumwaberte Läden wie das Druckluft Oberhausen, die Freak Show Essen, das AZ Mülheim oder das Rattenloch Schwerte sowie auch das beliebte „Punkrockers Radio“ in der Schwarte vor – und deren Macher selbstredend ausführlich zu Wort. Radikale Geschichte und rabiate Geschichten im Überfluss: Die Szene ist „mannigfaltig“ – im wahrsten Sinne des Wortes: Denn die holde Weiblichkeit hält sich (von wenigen Ausnahmen abgesehen) meist nicht hoch oben auf der Bühne, sondern mit helfender Hand im Hintergrund auf.

Zusammen mit „Punkrockers Radio“ (dessen Macher Stefan übrigens im selben Schrebergarten nur ein paar Meter weiter sein klein Häuschen hat) wollen Dennis und Philip zudem zum heiß herbeigesehnten Release des fetten Schinkens einen ebenso saftigen Downloadsampler bzw. eine „Fucking The Nation Every Day“-Compilation-Spezialausgabe an den Start bringen.

So, kommen wir zum Schluss noch zu den wichtigsten Fragen des Lebens: Lieblings-Ruhrgebiets-Punkband? Dennis: „Dödelhaie“. Philip: „Eisenpimmel“. Lieblingsbier? Dennis: „Stern Export“. Philip: „Fiege kalt“. Na dann: Astra la Vista, Baby! Und tschuss du Nuss!