Kassandra: Geschichtsstunde

| Foto: Charlene Markow

Die Würfel sind gefallen, dass Schicksal der Königstochter Kassandra scheint besiegelt. Im Kerker sitzend lässt sie noch einmal alles Revue passieren, was sie in diese Misere brachte. Kein Flehen und kein Jammern, dafür eine Menge Zorn prägt Charlene Markows Inzsenierung von „Kassandra“, aufbauend auf Christa Wolfs gleichnamigen Roman.

Der Zuschauer betritt das Gewölbe des Rottstr 5 Theaters und nimmt seinen Platz ein – direkt vor der auf Stand-By geschalteten jungen Frau im weiten, weißen Kleid. Ihr Körper emporgehoben, ihre Handgelenke in Schlingen, die als Seile weiterführend ihre Arme in die Höhe ziehen. Verstört blickt sie durch die Menschen, lässt ihre Augen aber immer wieder sinken. Noch hat das Stück nicht begonnen, jedenfalls für den Gast nicht, aber inmitten der Bühne steht bereits... nun das heißt es herauszufinden. Das Licht erlischt.

Jetzt tritt jemand vor den weiten, weißen Stoff hervor. Kassandra, in Lumpen bekleidet beginnt die Bühneninszenierung damit, von ihrer eigenen Geschichte zu erzählen. Einst Königstochter und Priesterin, lebt sie nun als Gefangene im Kerker ihrem Ende entgegen. Bewustt darüber, nicht lebend aus dem dunklen Raum zu entkommen, führt sie in Monologen ihren Zorn an der Leine, der nicht selten ins Publikum bellt und die Zähne fletscht. Dabei umschreibt sie auch jenes, was sie gegenwärtig umgibt, dem Zuschauer jedoch verborgen bleibt. Wie es einem Kerker entspricht, ist er spärlich eingerichtet. Ein Licht flackert in der Ecke und eines ist auf die Figur im weiten, weißen Kleid gerichtet, die nun auch das Wort ergreift. Es handelt sich ebenfalls um Kassandra, jedoch eine aus vergangenen Zeiten. Sie stellt ihre Erinnerungen und ihr einstiges Ich dar. Die Dialoge zwischen den beiden Schauspielerinnen schlagen eine Brücke zur Vorgeschichte und sind eigentlich als einziger Monolog zu verstehen. Und hier wird es dann laut. Mit einer Inbrunst und Gewalt in der Stimme, wie nur die absolute Gewissheit sprechen kann, warnt Kassandras vergangenes Ich vor dem Fall Trojas. Vergeblich. So lebhaft, in so grausamen Bildern beschrieben, dass es eine Freude ist ihr Gehör zu schenken.

Soweit zum Höhepunkt. Danach kämpft das Stück aber leider stark mit sich und der Darstellung dessen, was erzählt werden soll. Es verstrickt sich in Theatralik und Momente der Verzweiflung werden mit Stroboskop und heftigen Elektrobeats vollkommen überzeichnet. Solche Momente können zwar die angestaubte Erzählung anfeuern, wirken teilweise jedoch aufgesetzt. Schauspieltechnisch allerdings lassen weder Jessica Maria Garbe (gefangene Kassandra) noch Katharina Rehn (Priesterin Kassandra) etwas anbrennen. Sicher in Sprache und Gestik, die von gezielter Gewalt hin zu sanften Berührungen, von leisem Flüstern bis aufgebrachten Anfeindungen reicht. Das Finale gipfelt im Tod der Kassandra; schön in Szene gesetzt durch die Befreiung des vergangenen Ichs, und der Vereinigung unter dem weiten weißen Kleid.