Entschleunigte Ruhrtriennale - Interview mit Heiner Goebbels

„Sprache ist oft das größte Hindernis“ | Foto: Wonge Bergmann

Bei der Vorstellung des Ruhrtriennale-Programms im Essener Museum Folkwang stand Heiner Goebbels vor sich langsam brechenden Wellen auf der Videowand. Der Intendant war die Ruhe selbst und predigte Entschleunigung. Anders beim Interview mit Max Florian Kühlem. Beide trafen sich in der Bochumer Jahrhunderthalle zum Gespräch über die neue Ruhrtriennale-Saison – in einer Probenpause.

Was bedeutet Entschleunigung in Ihrem Alltag – gerade jetzt, wo Sie mitten in Proben für die Festival-Eröffnung stecken?

Das ist eine Sehnsucht. Natürlich ist mein Alltag gerade sehr kleinteilig mit Vertragsunterschriften, Regie- und Programmentscheidungen, Problemlösungen. Aber wenn ich in diesen hektischen Zeiten einmal nach Japan fahre oder wie letzte Woche zwei Tage in Amsterdam war, dann bleibt die Zeit sofort stehen, weil man dort voller neuer Eindrücke ist. Das kann auch die Kunst bereit halten – und davon wollen wir etwas im Festivalprogramm umsetzen.

Ich sehe gerade, Sie haben gleich zwei Handys in der Hosentasche. Kann die Kunst einen Gegenpol bilden zum hektischen Alltag?

Ich glaube, dass Kunst uns immer entweder voraus ist oder etwas zurückholt, was verloren gegangen ist. Bei Künstlern wir Robert Wilson ist Entschleunigung ein wichtiger ästhetischer Parameter, weil er die Dinge erst mal dadurch sichtbar macht, dass er sie unendlich verlangsamt.

Robert Wilson inszeniert Helmut Lachenmanns Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“? Wie genau setzt er die Entschleunigung um?

Er macht das durch einen zeitlupenartigen Ablauf von Bewegungen und eine Reduktion der visuellen Komplexität auf ein Maß von berührender, aber auch irritierender Einfachheit. Zugleich macht er es aber auch mit einer Trennung aller Theaterelemente: Da wird der Arm vom Körper getrennt durch Licht, da wird die Stimme vom Schauspieler getrennt – durch ein Mikroport.

Ihre eigene Inszenierung „Stifters Dinge“ kommt sogar ohne Schauspieler aus … Bleiben die Besucher in der reinen Beobachtung der Dinge dabei – ohne ständig ihr Facebook zu checken?

„Stifters Dinge“ war ein Experiment, das wir vor einigen Jahren begonnen haben. Wir haben festgestellt, dass die Entschleunigung darin zu einer unglaublichen Intensivierung von Aufmerksamkeit führt. Da gibt es einen Moment, in dem es anfängt zu regnen, und die Besucher schauen sich das an, als hätten sie noch nie in ihrem Leben einen Regentropfen gesehen. Das ist eine interessante Alternative zum Theater: plötzlich zu erleben, wie der Zuschauende zum Subjekt wird, das aus dem Erlebten sein Stück macht. Selbst bei der offenen Form „Stifters Dinge – The Unguided Tour“ bleiben Besucher über zwei Stunden und neigen nicht, wie oft im Museum, zur Flüchtigkeit des Flanierens – auch weil man immer darauf gefasst sein muss, dass etwas Unerwartetes passiert. Die Zuschauer sind danach oft sehr mitteilungsbedürftig, weil ja während des Stücks noch niemand gesprochen hat.

Ihr Ideal ist ein offenes, staunendes Publikum, das ohne viel Vorwissen kommt, nicht nur auf der Verstandesebene erlebt. Wie erreicht man das bei einem Hochkulturfestival?

Wir haben keine repertoire- oder sehr sprachlastigen Stücke im Programm. Sprache ist oft das größere Hindernis für einen einfachen, unmittelbaren Zugang mit allen Sinnen. Ich glaube, wir haben letztes Jahr versucht, den Beweis anzutreten, dass man sich auf direkte Weise mit dem Unbekannten auseinandersetzen kann und: dass wir vor dem Neuen alle relativ gleich dastehen.

Letztes Jahr haben Sie mit John Cages „Europeras“ eröffnet, mit ausgewürfelten Bühnenbildern und Kostümen. Dieses Jahr eröffnen Sie mit Harry Partchs „Delusion of the Fury“ mit selbst gebauten Instrumenten. Steht bei Ihrer Arbeit der spielerische Aspekt im Vordergrund?

Sowieso. Aber das gehört ja zur Geschichte des Theaters seit tausenden Jahren. Partch hat sich zum Außenseiter gemacht, weil er nicht das akademische Instrumentarium genutzt hat. Er war in Amerika als Hobo auf den Zügen unterwegs und zugleich ein intelligenter Musikphilosoph. Eine hochinteressante Figur, die hier kaum bekannt ist. Menschen wie Johnny Depp oder Frank Zappa damals wissen und wussten, was sie an ihm haben. Harry Partch hat auch als Vorläufer des Pop eine wichtige Rolle gespielt.

Ihre Empfehlungen für ein popaffines Publikum.

Ryoji Ikedas audiovisuelle Installation „Test Pattern“, der Auftritt von Massive Attack, das Konzert der Bochumer Symphoniker mit Komposition von Gavin Bryars … Aber auch „The Last Adventure“ von Forced Entertainment oder Rimini Protokolls „Situation Room“ – das sind hochaktuelle Lösungen, sich vom alten Theater zu verabschieden, und vielleicht für ein Publikum interessant, dass darauf keine Lust mehr hat.

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