Viehofer Platz Essen: Stiefkind der Stadtplaner

Früher war der Viehofer Platz in Essen ein gefährliches Pflaster. Heute ist er sicher und sauber, aber die Menschen nehmen ihn kaum wahr. Das benachbarte neue Uni-Viertel könnte das ändern.

Tagsüber laufen die Menschen wie Ameisen über den Viehofer Platz. Studenten mit Kaffeebechern in der Hand hetzen Richtung Universität. Hausfrauen in langen Röcken und Kopftüchern trippeln mit Einkaufstüten bepackt zur U-Bahn-Station. Ein Glatzköpfiger mit Aktentasche überholt auf dem Weg zur Innenstadt einen Jungen in verwaschenem T-Shirt und Sandalen. Ein älteres Paar kommt den beiden entgegen, er mit Brötchentüte, sie mit riesiger Waschmittelbox.

Es ist ein ganz normaler Werktag am nördlichen Ende der Essener Innenstadt. Jeder hat etwas zu tun. Niemand bleibt auf dem Viehofer Platz stehen oder setzt sich sogar für eine kleine Pause an den Brunnen, wo eine niedrige Mauer literweise Wasser auf die verrottenden Stein-Schildkröten im Becken spuckt.

Ein Transit-Ort

Auch Ole-Kristian Heyer ist auf dem Weg über den Platz – zur Uni-Bibliothek. „Der Viehofer ist die meiste Zeit des Tages ein Transit-Ort“, kommentiert der Geografie-Student. „Erst wenn ich nachmittags nach Hause komme, ändert sich das langsam.“ Die kleine Kneipenszene bringe dann die Leute auf den Platz, diese Geselligkeit ziehe auch viele Obdachlose an.

Heyer wohnt direkt über dem Turock. Von seinem WG-Zimmer aus kann er auf den Platz schauen, der im Frühling und Sommer vom dichten Grün der Bäume verdeckt wird. Durchs Fenster sieht er auch die Uni-Türme, die meisten davon grau, einige wenige bunt.

Die Nähe zum Campus spielte für Heyer aber keine Rolle, als er vorletztes Jahr mit fünf Mitbewohnern in die großzügige Altbauwohnung einzog. „Ich habe vielmehr einen Ausgleich gesucht zum schicken, leicht aufgesetzten Rüttenscheid.“ Der Kontrast zwischen dem heruntergekommenen Nordviertel und dem familienfreundlichen Rüttenscheid ist ein Symbol für das Nord-Süd-Gefälle, das die Sozialstruktur der ganzen Stadt prägt. Heyer gefällt die Atmosphäre der nördlichen Innenstadt: „Hier trifft man auf alle Gesellschaftsschichten, die Gegend ist sehr lebendig.“

Lebendig heißt in diesem Fall aber auch laut. Die Geräuschkulisse am Viehofer Platz ändert sich im Laufe des Tages, aber sie verschwindet nie. Tagsüber rauscht der Brunnen so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Schlimmer aber ist der Verkehrslärm. Wer aus der Innenstadt kommt und am Turock vorbei in Richtung Universität den Platz überquert, prallt an einer sechsspurigen Autostraße ab. Die Häuser jenseits der Straße haben genau wie die Kneipen am Ende der Fußgängerzone die Anschrift Viehofer Platz. Von ruhiger Innenstadt ist dort aber nichts mehr zu spüren.

Der Cityring ist viel zu nah

Durch die breite Straße vom eigentlichen Viehofer Platz getrennt liegen ein Reisebüro, das mit Billig-Flügen wirbt, ein Plattenladen, in dessen Fenster die Cover vergilben, ein asiatischer Lebensmittelladen – und die Heinrich-Heine-Buchhandlung. Im Hinterzimmer sitzt der Inhaber Friedhelm Eggers zwischen Bücherstapeln am Schreibtisch und raucht. Wenn man ihn fragt, ist die sechsspurige Straße, die direkt an der Innenstadt entlangführt, ein übler Stadtplanungsfehler. „Über die Straße kommst du als Fußgänger doch kaum rüber! Das ist das Gegenteil von dem, was Urbanität bedeutet.“ Würde der Cityring ein Stück weiter nördlich verlaufen, wären der Viehofer Platz und auch die Uni heute viel besser in die Innenstadt integriert. Das neue Uni-Viertel „Grüne Mitte“ – ein hübsch angelegter Park, den die Stadtplaner zielsicher zwischen Viehofer Platz und Campus platziert haben – soll endlich die Schlucht zwischen Stadt und Uni schließen.

Die rasenden Autos machen den Viehofer Platz tagsüber tatsächlich nicht gerade zu einem gemütlichen Ort. Besonders zu spüren bekommt das ein neuer Nachbar, das Café Babel. Das kleine Eck-Lokal ist frisch renoviert, es gibt frisch gemahlenen Kaffee und kostenloses W-LAN. Auf dem Weg zur Uni kommen täglich hunderte Studenten vorbei. Trotzdem gehen bisher nur selten Gäste hinein.

Ein besseres Geschäft mit dem Durchgangsverkehr macht dagegen der Kiosk ein paar Häuser weiter. Der Weg zur Kasse führt durch ein Labyrinth aus Getränkekisten, vorne gibt es belegte Brötchen und Süßigkeiten. Der Besitzer bedient seine Kunden wie ein Kellner in einem Sternerestaurant: „Selbstverständlich, sehr gerne, sonst noch einen Wunsch?“ Er arbeitet hier seit zwei Jahren, Zwischenfälle am Viehofer Platz hat er noch nie erlebt. Ein bisschen zwielichtig sei es nur weiter nördlich, ein ganzes Stück vom Platz entfernt. Auf einem Parkplatz hinter dem Häuserblock etwa hätte es Überfälle gegeben, Drogenabhängige würden sich dort treffen. „Und in der U-Bahn-Haltestelle stehen natürlich die Dealer. Aber die tun keinem was.“

"Der Ruf ändert sich immer zuletzt"

Nur wenige Meter entfernt, links neben dem Turock, liegt das Café Nord. Als Tina Lauschke die Rock-Kneipe vor mehr als 20 Jahren eröffnete, war der Viehofer Platz noch ein ganz anderes Pflaster. Jetzt, am frühen Abend, ist es in der Kneipe noch ruhig. An den schwarz gestrichenen Wänden hängen alte Konzertplakate, am Tresen sitzt die Chefin und trinkt eine Limo.

„Früher gab’s hier noch viele Junkies, Drogengeschäfte und Schutzgelderpressung. Einmal wurde nur wegen eines Sacks voll Leergut einer umgebracht.“ Lauschke spricht mit kräftiger, leicht rauer Stimme, den Kopf hat sie auf den tätowierten Arm gestützt. „Ich habe damals versucht, hier zusätzlich ein Restaurant zu führen, aber es lief überhaupt nicht. Im Essener Süden hieß es: Viehofer Platz? Da kommst du doch nicht lebend wieder raus.“ Inzwischen stehe der Platz zwar nicht mehr für Mord und Totschlag, aber als ein bisschen zwielichtig gelte er immer noch – obwohl schon lange nichts Schlimmes mehr passiert sei. „Die ganze Ecke ist inzwischen sicher und sauber. Aber der Ruf ändert sich immer zuletzt.“

Heimat für die Rockfans

Heute gibt der Platz mit seiner kleinen Kneipenszene vor allem Essens Rockfans ein Zuhause. Vor zehn Jahren bekam das Café Nord Unterstützung vom Turock, wo seitdem Partys und Konzerte laufen. 2009 schloss die Punk-Kneipe Panic Room die Lücke in der Mitte und brachte ihr Stammpublikum aus Steele gleich mit.

Lauschke vom Café Nord will nirgendwo anders wohnen. Sie mag das „Multi-Kulti“ auf dem Platz, die vielen verschiedenen Sprachen, das Leben vor der Tür. Ihr Café Nord ist längst eine Institution. Sie ist überzeugt, dass es für ihre Kneipe nirgendwo anders so gut laufen würde. „Ein Umzug wäre das Schlimmste.“

Ein paar Stunden später ist im Café Nord das organisierte Chaos ausgebrochen. Die Stammgäste drängeln sich an der Theke, Kellnerinnen ganz in Schwarz balancieren ihre Tabletts konzentriert durch den vollen Raum. Es gibt Stauder vom Fass, Longdrinks und auch Essen. Die Lichterketten an der Decke tauchen alles in schummriges Licht, aus den Boxen knattern die E-Gitarren. Ein paar langhaarige, tätowierte Typen grölen begeistert ihre Lieblingslieder mit. Wer sich hier unterhalten will, muss sein Gegenüber anschreien. Aber wen kümmert das schon.

Ruhiger ist es draußen vor der Tür. Zur Sommersaison sorgen heller Sand, große rote Sonnenschirme, Liegestühle und Topfpalmen für ein bisschen Südsee-Atmo. Es gibt in der Innenstadt nicht viele Orte, wo man im Sommer so gemütlich draußen sitzen kann. Vielleicht zieht der kleine Stadtstrand deshalb so viel Laufpublikum an, das nicht der typischen Café-Nord-Klientel entspricht.

Der einzige nicht zahlende Gast ist heute Abend eine ältere Frau, die etwas abseits in einem Korbstuhl sitzt und schläft. Die Kellnerin zuckt bei ihrem Anblick nur mit den Schultern. Die Frau stört niemanden. Soll sie doch bleiben, wo sie ist.