Kultürkisch

Derwisch beim Merhaba Heimat Festival in Dortmund | Foto: Stadt Dortmund

Türkische Kultur ist schnell, laut, zart, zerbrechlich, scharf, süß, sanft und manchmal muss sie auch brutal sein. Gerade im Großraum Ruhrgebiet. Wie aber kommt es nur, dass sie in weiten Teilen der (deutschen) Öffentlichkeit unbeachtet bleibt? Tim Müßle hat sich auf die Suche nach einer Antwort begeben.

Mit den Türken und den Deutschen ist das ja so eine Sache. Oft geht eine Unterhaltung zwischen den Kulturen kaum über „Einen Döner, bitte“ und „Mit Zwiebeln?“ hinaus. Dabei gibt es so viel zu erleben. Ende Juli bis Anfang August steigt zum Beispiel in Dortmund eine der größten türkischen Sausen überhaupt: „I love Türkiye“, ein mehrtägiges Fest rund um den muslimischen Fastenmonat Ramadan.

Weihnachten findet immer zum selben Zeitpunkt statt, aber der Fastenmonat Ramadan hängt vom Mondkalender ab und beginnt jedes Jahr an einem anderen Datum. 2013 ist vom 9. Juli bis zum 8. August Ramadan. Erst nach Sonnenuntergang darf wieder gegessen und getrunken werden, und das haben die über 100 000 Gäste, die die Veranstalter auf dem Fest „I love Türkiye“ erwarten, auch vor. Gut 200 Essens- und Verkaufsstände locken, ebenso 15 Stars aus der Türkei, Kunst, Kultur, Shows für Kinder und Erwachsene nach Dortmund.

Mehr als Folklore

„Das Fest ist aus der türkischen Bevölkerung selbst heraus organisiert“, sagt Jörg Stüdemann, Kulturdezernent von Dortmund, der sich vehement für die türkische Kultur in der einstigen Bier- und Stahlstadt einsetzt. Im vergangenen Jahr etwa feierte Dortmund „Merhaba Heimat“. Da tanzten Derwische im Konzerthaus. Außerdem gab’s Lesungen, Performance, Ausstellungen. Die türkische Bibliothek innerhalb der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund wurde eröffnet. Und ein Folklore-Festival zeigte, welche Tänze die über 20 verschiedenen Ethnien, aus denen die Türkei besteht, zu bieten haben.

Programm für alle: Kabarettist Ilhan Atasoy; Foto: Atasoy

Doch da ist sie schon wieder, die Folklorefalle. Bunte Weste, Pluderhose. Döner mit oder ohne scharfe Soße. 3er-BMW. Fertig ist die Schublade. Auf die Art wird der erlebenswerte Rest der türkischen Kultur oft unabsichtlich ausgeblendet. Die Bühnenkünstler Bülent Ceylan und Serdar Somuncu sind noch bekannt, der türkische Dortmunder Kabarettist Ilhan Atasoy hat es da schon viel schwerer. Er erinnert sich daran, wie er einem Veranstalter einen Auftritt anbot: „Der sagte, es würden wohl nicht viele Gäste kommen. Denn in der Stadt gebe es nicht so viele Landsleute von mir. Da hab ich ihn gefragt, wer denn von Landsleuten gesprochen habe? Mein Programm ist doch für alle da!“

Du kommst hier nicht rein!

Auf der anderen Seite verzeichnet die türkische Kultur auch Anerkennungserfolge. Das deutsch-türkische Literaturfestival „Literatürk“ in Essen geht 2013 ins neunte Jahr, Anfang Oktober stehen dann im Grend in Essen Undercover-Reportagen, Lesungen, Autorengespräche, Kabarett und Neuvorstellungen auf dem Plan.

Laut der NRW-Landesregierung leben rund 800 000 Menschen in NRW, die Wurzeln in der Türkei haben. 4,3 Millionen, 24 Prozent der Einwohner von Nordrhein-Westfalen haben eine eigene oder familiäre Zuwanderergeschichte. Jeder hat schon mal die Geschichte gehört, dass ein türkisch aussehender Junge nicht in diese oder jene Disco reingekommen ist. Wer es leid ist, vom „kartoffeligen“ Türsteher abgewiesen zu werden, macht halt irgendwann seine eigene Disco auf – vielleicht so wie das erfolgreiche „Taksim“ in Bochum. Älteren dürfte die Location als ehemaliges Tarm-Center in Erinnerung sein. Inzwischen gastieren dort DJ Kaan, DJ Özkan oder DJ Gök-E.

In Oberhausen residiert die VIP TV Entertainment GmbH. Zurzeit zieht das Unternehmen die TV-Show „Young & Chic“ durch, eine Castingshow für türkischstämmige Schönheiten zwischen 18 und 24 Jahren. Ausschnitte sind bereits im Internet zu sehen (viptv.de). Diese sind auf eine natürliche Weise zweisprachig. Denn die Mädchen wechseln schnell zwischen Deutsch und Türkisch. Über 40 Jahre haben die Deutschen die Türken behandelt, als würden sie eines Tages wieder gehen. Das prägt. Vielleicht haben sich auch deshalb beide Völker in ihrer Nische eingerichtet, vielleicht ist die türkische Kultur deshalb eine Subkultur, obwohl es so viele türkischstämmige Menschen im Pott gibt. Stüdemann: „Manchmal muss man einfach nebenan klopfen, und fragen: ,Kommste mit?'“

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