Dagewesen: Revolution Vakuum

| Foto: Atif Ülkü

Der Versuch, eine Lösung zu finden für die Probleme der Welt

Der Protest beginnt stumm. Ein Mann spielt stumm Gitarre, er schreit stumm in ein Mikrofon, das von der Decke hängt. Von der Decke hängen weitere Dinge: Gitarren, Mikros, ein Palästinensertuch, eine türkische Flagge. Es sind Mitstreiter, Verbündete, und dennoch nur Symbole. Doch die Symbole tragen den Protest, geben dem Kampf ein Fundament. Diese Basis ist nötig für das Wir-Gefühl, denn das „Wir ist [nur] konstruiert.“ Verbündet ist man im Kampf gegen die Mächtigen, weil „Macht korrumpiert“, so einer der beiden Darsteller (Tamer Yiğit und OJ) im Laufe des Abends.

Beide Männer sind erst stumm, spielen Gitarre, singen und reden letztendlich miteinander. Das Gespräch ist die einzige Möglichkeit, zu einem „Wir“ zu kommen, ein gemeinsames Ziel zu finden, mit einer Stimme zu sprechen und eine Ahnung von dem zu entwickeln, was nach den Protesten kommen könnte.
Tamer Yiğit und Branka Prlić haben für die Theater-Biennale Impulse mit „Revolution Vakuum“ ein Projekt entwickelt, das tagesaktueller nicht sein könnte. Seit über zehn Jahren untersucht das Berliner Duo „die Schattenseiten unserer Gegenwart“, wie es im Pressetext heißt. Ihr derzeitiges Stück, exklusiv für das Theaterfestival produziert, verortet die Revolutionen der arabischen Länder und der Türkei im Feld zwischen Demokratie und Anarchie. Zwischen dem Wunsch eines Volkes, selbstbestimmt und frei zu sein, und der Anwendung von Gewalt gegen Unschuldige zur Durchsetzung dieses Wunsches liegt nur ein Schritt, ein Schrei, ein geschleuderter Stein.

Die Darsteller auf der Bühne sind nur zu zweit, ihre Möglichkeiten zur Gewaltausübung sind vorhanden, aber begrenzt. Anders ist dagegen die Situation in der Türkei, in Syrien, in Ägypten: im Video „Whirlpool of Terror“ (von Branka Prlić) sieht man Menschentrauben an Absperrungen drängen, die Atmosphäre wirkt – obwohl das Video ohne Ton abgespielt wird – aggressiv; plötzlich ist eine Gasflasche zum Flammenwerfer umfunktioniert und trifft willkürlich jeden, der das Pech hat, in der Nähe zu sein. Das Ergebnis sind nicht die Verwirklichung der hehren Ziele, die die Kämpfer sich auf die Fahnen geschrieben haben, sondern die unmittelbaren Konsequenzen von Toten und Verletzten, deren Habseligkeiten eingeschweißt in Plastikfolie als Beweismittel aufbewahrt werden: ein eingeschweißter Koran, das eingeschweißte Marx-Manifest, eine im Feuer zerschmelzende ägyptische Flagge.

Yiğit und OJ haben keinen Flammenwerfer. Sie können ihre Gitarren wie Maschinengewehre behandeln, doch schließlich enden sie im Dialog. Wie soll es weitergehen mit der Türkei? Wer soll regieren, wenn alle politischen Gruppen die jeweiligen Gegner als Faschisten bezeichnen? Auf diesem Niveau ist Demokratie nicht umsetzbar, Yiğit und OJ fordern ein Machtvakuum, um Freiheit und Selbstbestimmung zu erreichen. Sie wissen, dass diese Forderung zunächst ein Traum bleiben wird. In einem der letzten Lieder heißt es illusionslos: „Es ist wie es ist./ Alles ist für immer da./ Alles bleibt wie’s immer war.“

Alle Rezensionen zur Impulse Biennale 2013

Dagewesen: Der (kommende) Aufstand

andcompany&Co. sind ein seit 2003 bestehendes internationales Künstlerkollektiv. Mit dem „(kommenden) Aufstand“ haben sie die Revolte der niederländischen sogenannten Geusen Mitte des 16. Jahrhunderts mit den aktuellen Wutbürger-Protesten in Spanien und anderswo sowie der Occupy-Bewegung weltweit verknüpft. Die zugrunde liegenden Texte sind Schillers „Don Carlos“ und seine „Geschichte des Abfalls [mehr...]


Dagewesen: Teenage Lobotomy

Christian Garcias Wurzeln liegen in der Musik. Er hat klassische Gitarre, Klavier und Musikpädagogik studiert, mittlerweile komponiert er für die unterschiedlichsten Performancegruppen sowie für Filmregisseure. Mit „Teenage Lobotomy“ präsentiert er einen Theaterabend, der das Publikum auffordert, sich mit der Dauerbeschallung des Alltags auseinanderzusetzen. Musik ist das Medium, wofür [mehr...]


Impulse Biennale 2013 - Graz Alexanderplatz. Rezension von Julia Streich. 

Dagewesen: Graz Alexanderplatz

Zeitgenössisches Volkstheater – was ist das? Springen da Lederhosen tragende Burschen umher, die auf ihren Laptops Videoinstallationen abspielen, während Sahnetorten über die Bühne fliegen? Oder heißt zeitgenössisches Volkstheater ein Theater für das Volk, ein Theater, das das Volk versteht. Ein Theater, welches aktuelle Gesellschaftstendenzen aufgreift und experimentierfreudig auf einer Bühne als [mehr...]


Dagewesen: Nebenschauplätze Nr. 1 - DAS 20. JAHRHUNDERT

Das Kölner Regie- und Autorenduo Hofmann&Lindholm bietet mit seinem Stück bei der Impulse-Biennale Erinnerungstheater, es führt ein „Re-Enactment flüchtiger Erscheinungen“ auf. Einfach wirkende Mittel werden eingesetzt, um den Abend zu gestalten: alles szenische lassen Hofmann&Lindholm als Schattenspiel im leeren Raum stattfinden. Es gibt keine Dialoge, es gibt keine Handlung, es gibt keine [mehr...]


Dagewesen: Revolution Vakuum

Der Protest beginnt stumm. Ein Mann spielt stumm Gitarre, er schreit stumm in ein Mikrofon, das von der Decke hängt. Von der Decke hängen weitere Dinge: Gitarren, Mikros, ein Palästinensertuch, eine türkische Flagge. Es sind Mitstreiter, Verbündete, und dennoch nur Symbole. Doch die Symbole tragen den Protest, geben dem Kampf ein Fundament. Diese Basis ist nötig für das Wir-Gefühl, denn das „Wir [mehr...]