Fotografie: Leben in Schwarzweiß

Robert Adams: North of Keota, Colorado (The Planes, 1965–1973)

Das Leben ist bunt, na klar. Aber Schwarzweiß steht ihm oft einfach besser. Das beweisen derzeit vier große Einzelausstellungen mit Arbeiten ebenso renommierter wie unterschiedlicher Fotografen: Weegee in Oberhausen, Robert Adams in Bottrop, Leonard Freed in Essen und Anton Corbijn in Bochum. 

Licht & Schatten im House of Usher

Leichen, Mörder, Gaffer – mit seinen schonungslosen Tatortbildern avancierte Weegee alias Arthur bzw. Usher Fellig (1899–1968) in den 30er und 40er Jahren zum berühmtestem Foto-Reporter New Yorks. Mutmaßlich leitete sich sein Künstlername, dem er später noch den bescheidenen Zusatz „The Famous“ anhängte, lautsprachlich von dem „Ouija“ genannten Hexenbrett ab und spielt auf seine scheinbar seherischen Fähigkeiten an, denn Ihro Gnaden war meist schneller als die Polizei. Was allerdings nicht zuletzt dem Luxus geschuldet war, dass er ganz legal den Polizeifunk abhören durfte. Signifikant für seine Bilder sind ein harter Schwarz-Weiß-Kontrast, erahnbare Bewegungsabläufe und nicht selten eine feine Ironie. Doch die umfassende Werkschau in der Oberhausener Ludwiggalerie ist weit weniger blutrünstig als der ewige Verweis auf sein Mordsgeschäft vermuten lässt. Vielmehr zeigt der Großteil der hundert Arbeiten einen ambitionierten Sozialkritiker, der, wenngleich lebender Beweis des Amerikanischen Traums, die Schattenseiten des American Way of Life – von Armut bis Rassenhass – unverhohlen entblößte.

Anton Corbijn: Lucian Freud, London, 2008
Leonard Freed: West-Berlin, 1965 (Made in Germany) © Leonard Freed / Magnum Photos / Agentur Focus / Brigitte Freed Leonard Freed
Weegee: Polizei beendet Straßendusche der Kinder, 1944 © Institut für Kulturaustausch, Tübingen 2013

Land & Leute

„Verbrechen“ anderer Art belegen Robert Adams’ Fotoserien aus dem Westen der USA: Die Verletzung der Landschaft im Zuge der Zivilisation. Seine Bilder sind eine unaufgeregte Bestandsaufnahme der Gegebenheiten, in der sich trotz aller Widersprüche harmonische Momente entdecken lassen. Weithin bekannt wurde Adams anno 1975 durch die Teilnahme an der Ausstellung „New Topographics: Photographs of a Man-altered Landscape“, die wegweisend war für die konzeptuelle, dokumentarisch-distanzierte Landschaftsfotografie. Das Bottroper Quadrat zeigt als einzige Institution in Deutschland die Retrospektive „The Place We Live” mit über 300, zwischen 1964 bis 2009 entstandenen Arbeiten des heute 76-jährigen Künstlers.

Zurück blickt man auch im Museum Folkwang. Zurück ins Deutschland der 60er Jahre mit den Augen Leonard Freeds (1929–2006), dem sich damals wie so vielen die Frage aufdrängte, wie es denn wohl tickt, dieses frisch geteilte Wirtschaftswunderland zwanzig Jahre nach Kriegsende, zwanzig Jahre nach der Nazi-Diktatur. Die Erkundungsreise des in Amerika geborenen Sohnes jüdischer Einwanderer mündete in der 1970 veröffentlichten Foto-Reportage „Made in Germany“: Rund 120 Einzelbilder aus dem Arbeits- und Alltagsleben der Menschen (auch im Ruhrgebiet) – allesamt wenigstens so mehrdeutig wie der Titel. Die gleichnamige Schau ist als begehbares Buch zu „lesen“, übernimmt also die Bilderfolge des Buches nebst Freeds lakonischen Kommentaren.

Kunst & Kult

Hin und wieder hat der so glibbrige wie überstrapazierte Begriff „Kultstatus“ auch mal seine Berechtigung. Namentlich bei Anton Corbijns Portraits von Ikonen der Musikszene (Tom Waits, Nick Cave, Joy Division, U2 etc.), die für das jeweilige Image prägend waren. In jüngster Zeit lichtete der 58-jährige Niederländer mit Ai Weiwei, Marlene Dumas, Lucian Freud, Damien Hirst oder Gerhard Richter auch einige der bekanntesten bildenden Künstler der Gegenwart ab. Entstanden sind eindrucksvolle, sehr persönliche wirkende Großaufnahmen, die neben Arbeiten älteren Datums im Bochumer Kunstmuseum zu sehen sind und die umso mehr „erzählen“, je mehr man mit Leben & Werk der Portraitierten vertraut ist.

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