Dagewesen: Pornoladen im Grillo-Theater

| Foto: Diana Küster

Gleich vorweg: Wer im Stück „Pornoladen“ schlüpfrige Details oder Schmuddel-Erotik erwartet, wird enttäuscht. Die Aufregung einiger Bürger im Vorfeld („das Essener Schauspiel wird zum Sauspiel“) ist unbegründet, denn es geht sehr artig auf der Bühne zu. Ein wenig Tanz an der Stange, ein Strip hinter Glas, ein paar Insider-Infos. 

Und so übernehmen, nach einer kulturgeschichtlichen Einordnung der käuflichen Liebe per Video, die beiden Schauspielprofis die Leitung des Abends. Die durchtrainierte Lisa Jopt überzeugt im knappen Dress durch Sexappeal, Johann David Talinski greift öfter mal zur Wandergitarre. Atmosphärisches Beiwerk liefert die singende Keyboarderin (Samirah). Die eigentlichen Stars des Abends sind jedoch die zehn Experten des Alltags, wie Sozialarbeiterin Dorothee, Sexarbeiterin Fraences mit 30-jähriger Berufserfahrung oder der Escort-Mann Christian. Es gibt viel Lokalkolorit: Wir erfahren, dass die Stricher auf dem sogenannten „Wackel“ in Essen anzutreffen sind. Wir lernen, dass viele Männer zum reinen Zeitvertreib im Auto stundenlang am Berliner Platz in der Runde fahren, um die käuflichen Damen anzustarren. Und wir erfahren, dass viele Kunden einen Kindersitz im Auto haben.

Es gehört zum guten Ton des Abends, den Zuschauern zu versichern, dass alle freiwillig in der Branche arbeiten und dies mit viel Freude tun – zumindest meistens. Nur in wenigen Sätzen werden die Schattenseiten erwähnt, ja, es gibt auch Zwangsprostitution oder abstoßende Praktiken. Aber diese Aspekte sollen nicht näher thematisiert werden. „Seht her, wir sind ganz normale, selbstbestimmte Menschen“ ist der Leitsatz der Inszenierung von Marc-Oliver Krampe. Er hat mit seinen Darstellern eine unterhaltsame Geschichtencollage und ja, irgendwie auch ein Aufklärungsstück entwickelt. Es wird viel aus dem Nähkästchen geplaudert, spätestens wenn Fraences den Kampf um die gesetzliche Gleichstellung von Prostituierten ausruft, hinterlässt dies trotz ironischem Bildverweis auf Delacroix’ Freiheitsgöttin auch einen faden Beigeschmack.