Dagewesen: Das Mädchen aus der Streichholzfabrik im Schauspielhaus

Anne Knaack, Maja Beckmann und Matthias Redlhammer | Foto: Arno Declair

Kleine Frau – was nun?

Selbst für finnische Verhältnisse ist Iris eher das Gegenteil von einem Plappermaul. Still erduldet sie ihre Arbeit, wortlos fährt sie nach Hause, sprachlos gibt sie ihren Lohn ab, und tatenlos geht sie abends aus. Als sie im Schaufenster ein rotes Kleid sieht, nimmt ihr Leben eine Wende. Eine Nacht lang blüht sie auf – am Schluss gibt es drei Leichen.

Man ist es vom Stummfilm her gewohnt, und natürlich auch von Aki Kaurismäki, mal mehrere Minuten lang verbal nicht zugeschwallt zu werden. Im Theater ist dies eine besondere Erfahrung. Maja Beckmann (Iris), Anne Knaack (als ehemalige Dorfschönheit und Mutter) und Matthias Redlhammer (als deren Kerl in jener Art von Hose, über die Karl Lagerfeld einmal sagte, ihre Träger hätten ja wohl die Kontrolle über ihr Leben verloren), diese drei also teilen sich über den Abend geschätzte zwei Seiten Text. Zwei weitere steuert Daniel Stock bei, der als Iris’ Bruder und Iris’ Bekannter schauspielerisch doppelt beeindruckt und auch noch den Erzähler gibt. „Es gibt nichts, was mich weniger berühren könnte als deine Zuneigung“, sagt er als Vater ihres Ultraschallfotos, und als er dieses auch noch zerreißt, ist für Iris das Maß der wortlosen Gehässigkeiten voll.

Auf Franziska Gebharts weiten und abendfüllend nach Holzhäxel riechender Bühne hat David Bösch Kaurismäkis Tragödie mit Ruhe, Bedacht und stillem Witz inszeniert. Alle Sympathien liegen bei der späteren Mörderin, man hört es später am Applaus. Wie sich das Ensemble über weite Strecken nichts sagend durch Iris’ schreckliche Welt laviert, ist dabei alles andere als nichtssagend. Es ist der Rahmen eines gelungenen Experimentes, welches auch der Zuschauer meistert, ohne dass es je zu Spannungseinbrüchen käme. Auch dafür ein Bravo!