Abraxas in Düsseldorf geschlossen: Gedenkveranstaltung für Gert Thiele

Das Abraxas bleibt geschlossen | Foto: Nadine Beneke

Die Abraxas-Zeit läuft weiter. Zumindest auf dem Homepage-Ticker der zauberhaften Kneipe: 31 Jahre, 1 Monat, 0 Tage. Doch seit dem 15. Mai ist die Bilker Institution geschlossen. Der Pachtvertrag wurde nicht verlängert. Besitzer Gert Thiele und seine Lebensgefährtin Angie Wanke planten deshalb schon vor einiger Zeit, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Wanke überlebte. Andreas Niggemeier und Mike Gromberg vom Musikerduo KOWALSKY organisieren nun eine Gedenkveranstaltung für den verstorbenen Wirt.

„Gert hat das alles minutiös geplant“, sagt Niggemeier, „er hat nicht einfach den Gashahn aufgedreht.“ Bereits vor Monaten erzählte der Wirt, der für den 45-Jährigen ein „väterlicher Freund“ war, von dem gemeinsamen Suizid-Vorhaben. Gutheißen konnte Niggemeier das natürlich nicht. Bot an, bei allem anderen zu helfen. „Es gab wirtschaftliche Zwänge“, erzählt er. Der Pächter sei nicht bereit gewesen, den Vertrag zu verlängern. Bis zum 14.5. lief der Vertrag der Kneipe. In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai versuchte das Paar, sich mit einem Stickstoff-Kohlenmonoxid-Gemisch aus den Bierleitungen das Leben zu nehmen. „Ohne das Abraxas war es für Gert nicht vorstellbar“, vermutet Niggemeier. Am Tag des Geschehens fuhr er mittags von der Nachtschicht nach Hause und sah die Polizei vor dem Laden stehen. Ihm war klar: „Die Zwei haben Scheiße gebaut.“ Für Thiele kam jede Hilfe zu spät. Wanke befindet sich zur Zeit in einer „stadtbekannten Klinik“. Noch in der Woche zuvor schenkte Thiele Niggemeier persönliche Gegenstände und Utensilien aus der Kneipe. „Gert hat darauf bestanden, dass ich den großen Feuerdrachen, der immer in der Ecke hing, für meinen Sohn mitnehme.“ Dass das mit einem möglichen Selbstmord in Zusammenhang stehen könnte, war für Niggemeier keine Option: „Er erzählte, er würde mit Angie zusammen in ihre kleinere Wohnung ziehen.“ Plausibel, denn auch die Wohnung gehörte zum Pachtvertrag.

Innenansichten, Foto: privat

"Ein Gefühl von Zuhause"

Als Niggemeier vor zwölf Jahren aus dem Sauerland nach Düsseldorf kam, war er zunächst „sehr unglücklich in Bilk". Zu groß, zu kühl, zu unzugänglich erschien ihm die Stadt. Einem Tipp eines Bekannten folgend, ging er 2007 das erste Mal ins Abraxas. Die hexenhüttenartige, dunkle Kneipe mit den urigen Tischen sowie der kauzige Besitzer hatten es ihm sofort angetan: „Gert war der erste, der mir in Düsseldorf ein Gefühl von Zuhause gegeben hat.“ Thiele kam aus einer Bildungsbürgerfamilie. Trug immer Bundfaltenhosen und Oberhemden. Auch Kultur war ihm von Haus aus eine Herzensangelegenheit. Lokale Kleinkünstler, auch Niggemeier, selbst Autor, Rezitator und Musiker der Band KOWALSKY, traten des Öfteren in der kleinen Kneipe mit den verrauchten Wänden auf. Tina Teubner, Manes Meckenstock und Barbara Oxenfort waren ebenfalls Gäste der Abraxas-Kleinkunstbühne. Außerdem reiste ein Paar aus Ostwestfalen regelmäßig an, um auf Thieles Riecher in Sachen Musik zu vertrauen und daraufhin Bands in ihren Veranstaltungsraum einzuladen. Im Whisky Guide, in dem die 50 besten Whiskykneipen Deutschlands aufgeführt werden, sind zwei Düsseldorfer Läden zu finden: der Breidenbacher Hof und seit 2008 - das Abraxas.

 

"Lebenswerk hinterlassen"

Lediglich Neuerungen waren für Thiele nichts. 2012 traten Schwierigkeiten auf, weil er „Steuern verbummelt“ hatte, so Niggemeier. Ein halbes Jahr lang war die Kneipe geschlossen. Der Freund und Stammgast meint: „Das war der Genickbruch.“ Danach öffnete das Paar mit der Auflage, keinen Alkohol auszuschenken. Schließlich erhielt das Abraxas wieder eine Konzession, aber die Gäste blieben immer öfter weg. Anregungen Niggemeiers, auch nachmittags zu öffnen, waren für den Wirt keine Option. „Er hat mich gefragt, ob er dann auch Dinkelkekse verkaufen soll“, erzählt der Sauerländer. Für Hartz IV sei Thiele „zu stolz“ gewesen, meint er. Inzwischen wurde Thiele anonym in Düsseldorf beigesetzt. Für Niggemeier steht aber fest: „Gert hat ein Lebenswerk hinterlassen.“ Seinen Abschied hat der Wirt genau geplant. Dieser wird zwar aufgrund der ausgetretenen Gase nicht, wie von ihm in einem Abschiedsbrief gewünscht, im Abraxas stattfinden. Aber mit gemeinsamen Weggefährten, Kleinkunst und einer Wunsch-Playlist. Darauf zu finden: „Schönen Gruß, auf Wiedersehen“ von den Toten Hosen. 31 Jahre, ein kauziger Wirt und jede Menge Erinnerungen. Niggemeier meint: „Ich rechne mit einem Container in den nächsten Tagen. Wenn wir Pech haben, ist der Feuerdrache, den mein Sohn bekommen hat, das Einzige, was vom Abraxas geblieben ist.“