Worringer Platz: Nachbarschaft ohne Begegnung

Beharrlich: Worringer Platz | Foto: Andrea Knobloch

Der Worringer Platz ist kein Ort, an dem man gerne verweilt. Es ist laut, die Luft ist schlecht und jene, die sich hier treffen, entstammen eher prekären Milieus. Künstler fühlen sich dennoch schon seit geraumer Zeit von dem Düsseldorfer Platz angezogen, schätzen seine Vielseitigkeit ebenso wie die Urbanität und Unverwechselbarkeit. Viele Ideen wurden hier schon realisiert. Im heutigen Ordnungsamt schrieben Ego-Club und Hobbypopmuseum Geschichte. In der Unterführung Kölner Straße wurden einst Plakatwände mit Kunst statt Werbung bestückt. Es gab eine Postkartenedition zum Worringer Platz und zuletzt lud das Schauspielhaus im Rahmen seiner Produktion „Worringer Schlachten“ gar zu einem theatralen Rundgang. Im Juni wird das nächste Kapitel Kunst am Verkehrsknotenpunkt begonnen: „Gasthof Worringer Platz“ heißt es.

Keine Turbo-Konsumierbarkeit

Drei Jahre haben die Künstler Oliver Gather und Andrea Knobloch darauf hingearbeitet. In der Zeit erkundeten sie den Ort bis in den hintersten Winkel, sprachen mit Hoteliers, Gemüseverkäufern sowie Kulturvereinsmachern. Herausgekommen ist ein Programm, das von ausgesprochener Zuneigung zum Platz zeugt. „Der Worringer Platz ist beharrlich“, beschreibt Andrea Knobloch, „den kriegt man nicht kaputt.“ Viel ist hier in den letzten Jahren über Aufwertung gesprochen worden. Die Kunst wurde dabei immer wieder als Instrument genannt. Eine Erwartungshaltung, mit der sich auch die Hausherren des „Gasthofs Worringer Platz“ konfrontiert sehen. „Für Immobilienbesitzer wird unser Projekt gar nichts ändern“, stellt Gather daher gleich klar. Überhaupt kommt die Kunst hier eher sperrig und schwer vermittelbar daher. Wenig ist greifbar, viel blüht im Verborgenen und Besucherzahlen spielen – im Gegensatz zum institutionalisierten Kunstbetrieb – nur eine untergeordnete Rolle. „Wir möchten das Ganze nicht in eine Turbo-Konsumierbarkeit überführen“, sagt Knobloch. Die Kunst sei in diesem Fall nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Es brauche Zeit und Muße, um sie zu finden, man müsse sich auf Gespräche mit anderen Menschen einlassen.

Konkret startet die Reihe, die Gather und Knobloch gerne längerfristig fortführen würden, am 7. Juni mit dem „Ballsaal“. Eigens für den Anlass hat die Gruppe weltAusstellung eine Komposition geschaffen, die an dem Abend ihre Uraufführung erlebt. Unterstützt werden die Musiker vor Ort vom Düsseldorfer Volksavantgardechor und dem Tuningclub VAG Neuss. Letzterer wird mit neun PKW den Platz kontinuierlich umkreisen – eine fahrende Soundanlage, die genauso Teil des Klangteppichs werden soll wie der Verkehr und die restliche Geräuschkulisse. Ob man dazu tanzen möchte, mag jeder selbst entscheiden. „Eigentlich kann man sich hier ja erfolgreich aus dem Weg gehen“, findet Knobloch. Nach ihrer Beobachtung existierten verschiedene Realitätsebenen, die sich nicht berühren: „Eine Nachbarschaft ohne Begegnung“, nennt sie das. Und genau da setze das Projekt an.

Schimpfen wie ein Rohrspatz: Sammlung von Ingke Günther

Sonderbare Handarbeiten

Bei der Vorbereitung stießen Gather und Knobloch auf eine „erfreuliche Offenheit“. Auch beim Chef des friends hotel, in dessen Herberge der zweite Programmpunkt des Gasthofs stattfindet. Der trägt den Titel „Gastzimmer“ und rückt die Künstlerin Ingke Günther mit ihrer ungewöhnlichen Sammlung in den Fokus. Günther sammelt Schimpfwörter. 1766 hat sie bereits beisammen. „Schweinebacke“, „Saukerl“ und „Dollbohrer“ sind nur drei davon. In verschiedenen Rosatönen auf Büttenpapier gestickt, werden die Schmähungen ab Juni Hotelzimmer zieren. Pro Zimmer ein Schimpfwort. Die Bedeutung der Worte herauszufinden, dürfte nicht leicht sein. „Schimpfwörter kann man schließlich nicht im Lexikon nachschauen“, lacht Knobloch. Auch hier müsse man also mit seiner Umwelt in Dialog treten.

Wer nicht in den Unterkünften nächtigen mag, soll übrigens keinesfalls gänzlich leer ausgehen: Unbelegte Hotelzimmer möchten die Initiatoren – in Absprache mit dem Hausherrn – eventuell auch für Nicht-Gäste zum Besuch freigeben. Auf jeden Fall weiß die Rezeption des „Gasthofs Worringer Platz“ im Glashaus weiter: Dort ist auch eine Liste aller bisher gesammelten Schimpfworte erhältlich. Kann man ja immer mal brauchen. Zum Beispiel bei der Platzbeschimpfung, die für den 7. August geplant ist. Dort können Anwohner, Passanten und Gäste ihrem Ärger Luft machen. Und geärgert wird sich traditionell viel an diesem Ort. Sei es nun über das grüne Pflaster, öffentliches Urinieren oder zuletzt die Schließung des Foyers.

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