Phil Ortiz: Von Felsental bis Springfield

Phil Ortiz | Foto: Lisa Sänger

Über 1000 Simpsonsfiguren vom klassischen Plastik-Homer über Plüschausgaben von Marge bis zum Candy-Bart tummeln sich im Büro des Cartoonisten Phil Ortiz. „Ich lebe und atme die Simpsons, mein Blut ist praktisch gelb.“ Ortiz ist allerdings kein verrückter Sammler im herkömmlichen Sinne, seine Obsession ist beruflicher Natur: Seit mittlerweile 20 Jahren zeichnet er für Bongo Comics die Comicausgaben der gelben Familie aus Springfield mit, außerdem war er einer der Zeichner, die 1989 an der aller ersten Simpsons-Staffel mitarbeiteten.

„Fox gab uns damals genau zwei Chancen, einen Entwurf abzuliefern, in dem sie Potential für eine neue Serie sehen würden. Die erste Version wurde abgelehnt, mit der zweiten, überarbeiteten Version konnten wir sie dann doch überzeugen.“ Während seiner Anfangszeit bekam Ortiz damit eine Chance, von der viele Cartoonisten träumen: Er zeichnete nicht einfach Figuren nach einer Vorlage, sondern entwarf einige von ihnen selbst. „Sie geben dir ein Script, welche Charaktereigenschaften die Figur haben soll und welche Rolle sie in der Serie spielen wird und du bestimmst dann ihr Aussehen.“ Ortiz tat dies beispielsweise bei Ned Flanders, Apu und Tingeltangel Bob, der auch sein Lieblingscharakter ist.

Obwohl sich der Erfolg der Serie bereits nach der ersten Staffel abzeichnete, hielt es Ortiz zunächst trotzdem nur zwei Staffeln lang bei den Simpsons. „Eines Tages bekam ich einen Anruf von Disney, mit der Anfrage, ob ich an deren Kinderbuchserie mitarbeiten wollen würde. Dieses Angebot der besten und bekanntesten Zeichentrickmarke der Welt konnte ich nicht abschlagen!“

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Disney, die Simpsons, man könnte meinen, das sei genug für eine Karriere, tatsächlich hatte Ortiz jedoch bereits vor diesen beiden Stationen bekannte Namen in seinem Portfolio gesammelt. Angefangen hatte alles mit der Campuszeitung seines Junior Colleges. Dort steuerte Ortiz regelmäßig einen Cartoon bei und war damit der erste, der nicht „bloß“ für die Zeitung schrieb, sondern auch zeichnete. Eines Tages sollte er ein Interview mit einem Produzenten der Hannah-Barbera Studios machen (Flintstones, die Schlümpfe, Yogi Bär), weing später sah er sich mit seinem „Schüler-Portfolio“ dem Schöpfer von Scooby Doo, Iwao Takamoto, gegenüber, zwei Tage später hatte er einen Job bei Hanna-Barbera und lernte das animierte Zeichnen.

"Ich würde gerne einen eigenen Comic in Deutschland rausbringen."

Was sich hier selbst wie ein Märchen von Onkel Disney liest, ist es nach heutigen Maßstäben leider auch. Ortiz hatte damals Glück: „Ich war einer der letzten, die die Chance bekamen, das animierte Zeichnen noch bei den Studios selbst zu lernen, kurz darauf, war diese Fähigkeit bereits Voraussetzung, um eingestellt zu werden.“ Und auch er hat bereits die finanzarmen Zeiten der Branche mitbekommen: Sein Büro bei Disney musste er 1993 nach knapp drei Jahren schon wieder räumen, die Kinderbuchsparte wurde eingestellt. Doch wieder sorgte ein Anruf zur rechten Zeit für den nächsten, festen Job und nach einem kurzen Zwischenspiel u.a. bei Garfield kam Phil zur Comic-Abteilung der Simpsons - und dort ist er heute 200 Ausgaben später immer noch.

Schon länger reizt es Ortiz jedoch, seine eigenen Figuren, vielleicht sogar seine ganz eigene Geschichte zu entwerfen. Die soll jedoch nicht in den USA, sondern hier in Deutschland erscheinen. Dazu will er sich mit dem Recklinghausener Cartoonisten Klaus Leven zusammentun. „Ich habe viele Ideen in meinem Kopf, aber bis jetzt hatte ich mit den Simpsons immer zu viel zu tun, um sie umzusetzen.“ Aufgeben will er die Arbeit bei den Simpsons nicht, sondern lediglich kürzer treten. Man darf also gespannt sein, ob es bald eine gelbe Familie aus Recklinghausen zu großer Bekanntheit schafft, denn gelbe Gesichter, so beteuert Ortiz, verpasste er bereits den Figuren in seinen Malbüchern aus Kindertagen.

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