Klänge aus der Todeszelle: „Selma Ježková – Dancer in the Dark“

| Foto: Stefan Kühle

Nach dem Film „Dancer in the Dark“ von Lars von Trier hat es die hochemotionale Geschichte um die erblindende tschechische Einwanderin nun in der Kurzversion (70 Minuten) auf die Opernbühne geschafft. Während das Musical mit Björk die Tränendrüsen attackierte, gelingt Gregor Horres eine distanzierte und auf die Hauptfigur konzentrierte Fassung der „Selma Ježková“.

Zwei im Halbkreis angeordnete Bühnenelemente sind Showbühne, Gerichtssaal oder Gefängnismauer (Ausstattung: Jan Bammes). Es regnet Geldscheine, während Selma im verzweifelten Kampf um ihr hart erarbeitetes Vermögen ihren Vermieter tötet – das Geld, mit dem sie die Augenoperation ihres Sohnes bezahlen will. Die auf wenige, aber dafür ausdrucksstarke Szenen reduzierte Regie fordert der Titelsängerin Dagmar Hesse einiges ab. Mit dicken Brillengläsern ausgestattet steht sie verloren in einer Welt, die für die Wahrheit blind ist. Sie zeigt eine starrköpfige, heroische, aber auch völlig isolierte Selma. Der Staatsanwalt (Bernd Könnes) verhängt die Todesstrafe und gerät dabei ein wenig zu karikaturhaft. Freundin Kathy (Kristine Larissa Funkhauser) und Gefängniswärterin Brenda (Rena Kleifeld) spenden der Verurteilten einen Rest an Menschlichkeit.

Paul Rouders zeitgenössische Musik ist voll düsterer Vorahnungen, nur in wenigen Sequenzen finden sich Anklänge an das Musical der Filmvorlage. Leichte Melodiefolgen werden durch Dissonanzen gestört, ein Synthesizer zaubert Sphärengeräusche, immer wieder schaukelt sich der Klangkörper zu Spannungshöhepunkten auf. Wie improvisierte Stummfilmmusik untermalt das 33-köpfige Orchester die großformatigen Videobilder von Volker Köster, die zu Beginn den Blick in einen dunklen U-Bahntunnel lenken. Das Stationendrama (Libretto: Henrik Engelbrecht) trifft auf ein engagiertes Sängerensemble, allen voran eine großartige Titelpartie.

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