Dagewesen: Vorhofflattern in Bochum

Manuela Stüßer und Matthias Hecht | Foto: dman/artscenico

Bitte bewahren Sie Ruhe

Es ist doch alles gut. Denken Sie an Ihr Herz. Mit Vorhofflattern ist nicht zu spaßen! Was aus medizinischer Sicht so stimmen mag, lässt jedoch mit diesem Schauspiel Zweifel aufkommen. Einen humoristischen Reiz nämlich haben ausgedehnte Schimpforgien schon. Jedoch sollte man dabei immer ein Auge für das Wesentliche haben.

Ein Premierenbericht aus Bochum.

Ein schauderhafter Tanz beginnt. Eine haarlose Gestalt, entstellt durch tiefe Narben in den Mundwinkeln, zuckt über die Bühne. Mit Mühe erklimmt sie den schwarzen Block inmitten des Raumes. Ein Klagegesang umgibt und lässt sie mit dem Schlusstakt wieder auf den Boden sinken.

Zweiter Akt, mit nun zwei Akteuren, die nun an dem Block, jetzt einem Tisch, sitzen. „Und warum sind Sie hier?“ Die Frage richtet sich an einen, der als Antwort seine Probleme mit den Schleimhäuten im Mund vorlegt. Und schon wird sich ausgelassen über die eigenen Sorgen und wie sie einen in den Wahnsinn treiben. Die Stimmung ist angespannt, lockert sich wieder und gewinnt erneut an Fahrt. Herrlich schimpfen, wüten und schreien die mittlerweile zu einem Quartett angewachsenen Helden des artscenico e.V. durch die heiligen Hallen des Theater Rottstr. 5.

Ein Stillschweigen in totaler Reglosigkeit unterbricht jedoch regelmäßig die fantastisch vorgetragenen Dialoge und lässt kurzen Raum zum durchatmen. Da wird den Hundebesitzern vorgeworfen, sich nicht um ihre Töhlen zu kümmern, so dass man ständig in deren Scheiße stehen würde. Mal ganz davon abgesehen was so manches Arschloch von Autofahrer sich dabei denkt, wenn er die Straße blockiert. Klingt alles halb so wild, jedoch ist es die Anhäufung von Kleinigkeiten, die das Kollektiv zur Weißglut treibt.

Das Licht erlischt und die Bühne gibt erneut den verstörenden Anblick der Tänzerin frei. Sie wird nun auch von jenen Vieren wahrgenommen, die doch so mit sich selbst beschäftigt waren. Nun aber sind sie gezwungen, ihren Stuss auf die Waage zu legen, um ihn mit der grauenhaften Realität, abzuwiegen. Im Laufe des Stückes wird es ruhiger und der Eindruck von Einsicht entsteht.

Die Einsicht, jener die geschimpft und gewütet haben, kein sorgenvolles Leben zu führen, sondern eines in Richtung Herzkasper mit Tempo 340.

Das dritte Theaterstück von Rolf Dennemann deckt mit viel Witz den Wahnsinn sinnloser Belanglosigkeiten auf und stellt sie in den Kontrast zu wahrem Leid. Denn das wahre Leid liegt in den Köpfen jener, die unfähig sind, sich überhaupt ausdrücken zu können. In diesem Fall ausgelöst durch einen schweren Anschlag, welcher eine Frau zum zerstörten Menschen werden ließ, dessen Tanz von einstiger Lebensfreude zeugt.

Der schwarze Block war Bühne, war Tisch und Lebensraum. Am Ende wird er zum Grab und das Leid findet sein Ende. Die Geschichte war erzählt.