Meister der Entschleunigung: Robert Wilson inszeniert Sandmann

Rosa Enskat und Robert Wilson bei der Probe zu „Der Sandmann“ | Foto: Lucie Jansch

Ende April gingen die Vorpremieren von „Der Sandmann“ im Schauspielhaus – noch vor der offiziellen Wiedereröffnung am Gustaf-Gründgens-Platz – über die Bühne. Im Vorfeld gewährte Robert Wilson einen Einblick in sein Theater. Bei einem öffentlichen Gespräch ging es unter anderem darum, wie er seinen allerersten Theaterbesuch verlebte und warum Natürlichkeit auf der Bühne nichts zu suchen hat.

Bei den Proben zu „Der Sandmann“ im Düsseldorfer Schauspielhaus traf Wilson auf ein kleines Mädchen. Als er die junge Zuschauerin fragte, wie sie das Werk beschreiben würde, antwortete sie ihm schlicht: „Düster.“ Das passt nicht nur zu E.T.A. Hoffmanns Geschichte, sondern auch zu Wilsons Art, Theater zu machen. Man erinnere sich nur an „The Black Rider“. Damals holte er sich Tom Waits mit ins dunkle Boot. Bei der aktuellen Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses in Koproduktion mit Unlimited Performing Arts und den Ruhrfestspielen Recklinghausen übernimmt den musikalischen Part die nicht minder großartige Anna Calvi.

Thematisch stehe für Wilson vor allem die Liebesgeschichte im Vordergrund, machte er Anfang April im Schauspielhaus klar. Und damit auch die Figur der Olimpia, die den Hauptcharakter Nathanael in ihren Bann zieht. Das Stück kreist um düstere Träume eines jungen Studenten, Vergangenheitsbewältigung und Traumata. Und nicht zuletzt um die Angst vor dem „Sandmann“. Besonders die Verbindung zu Freud reize den Regisseur, erzählte er. Nichtsdestotrotz steht für ihn fest: „Wir sollten kein Theater ohne Humor machen.“

Ein besonderes Merkmal des Wilson’schen Theaters ist außerdem die Reglosigkeit, die „stillness“. Auch beim Gespräch im Schauspielhaus konnte man sich gut vorstellen, wie der Regisseur über Texten sinniert. Wie ihm Gedanken in den Kopf schießen. Und wie er bei all dem eine beneidenswerte Ruhe bewahrt. Der einstige Stotterer ließ sich Zeit für seine Worte und zog die rund 300 Zuschauer, die gekommen waren, um ihn zu hören, mit langsamen Worten und Gesten in den Bann. Aus gutem Grund. Seinen ersten Theaterbesuch mit „Twenty-some-thing“ beschreibt er schlicht mit dem Satz: „Es war zu hektisch.“ Ferner watschte Wilson die gewollte Authentizität im Rampenlicht ab. „Die Bühne ist etwas Künstliches“, erklärte er. „Die Art, auf der Bühne zu gehen, ist eine andere, weil es auf der Bühne geschieht.“ Selbst das Stillstehen sei nicht einfach. Dass die Bilder Wilsons auch mit Bedacht funktionieren, steht außer Frage. Und im „echten“ Schauspielhaus erst recht. Nadine Beneke