Was macht die Kunst? Der Düsseldorfer Galerist Golestani im Portrait

Roozbeh Golestani in seiner Galerie Contemporary Pop Ups | Foto: Alexandra Zimmermann

Der Kunsthandel ist eine Branche, in der Klappern zum Geschäft gehört. Manchmal scheint es gar, als wäre das Klappern die Kernkompetenz schlechthin, die das Business verlangt. Was das und vieles andere angeht, ist Roozbeh Golestani also kein typischer Galerist. Eher leise als laut kommt er daher, ausnehmend höflich und vor allem nachdenklich. Der Gegenentwurf zu einem Zampano. Alexandra Wehrmann hat Golestani getroffen.

Seit April 2015 betreibt der 40-Jährige die einzige Galerie im Stadtteil Derendorf: Contemporary Pop Ups auf der Collenbachstraße. Acht Ausstellungen hat er seitdem organisiert, überwiegend mit Absolventen und Studenten der hiesigen Kunstakademie. Zunächst war in dem ehemaligen Ladenlokal nur eine einzige Kunstschau geplant, danach sollte es an wechselnden Orten weitergehen. Aus dem Räumchen wechsel dich ist dann letzten Endes nichts geworden. Golestani ist in dem wunderschönen 130-qm-Erdgeschoss-Altbau geblieben. Hohe Decken. Dielenboden. Vier hintereinanderliegende Räume.

Vorne die Kunst, ganz hinten hat der Galerist sein Büro. An dessen Wänden hängt eine Auswahl von Arbeiten aus den vergangenen Ausstellungen. Auf der Fensterbank Sekt und Selters. Und Kuchen hat er auch besorgt, ganz schön viel für zwei Personen. Er selber präferiert allerdings Rauchware. „Stört es dich, wenn ich eine rauche?“ Golestani öffnet die Tür zum Hinterhof. Der Blick fällt auf einen roten Backsteinbau, in dem überwiegend kreative Branchen angesiedelt sind. Vogelgezwitscher. Was macht man so als Galerist zwischen Vernissage und Vernissage, wenn nicht täglich Menschenmassen in die Galerie strömen? „Nachdenken“, sagt er und streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr, wie noch unzählige weitere Male an diesem Nachmittag. „Ich habe hier noch nicht mal Internet. Nur auf dem Handy.“ Tatsächlich herrscht eine beinahe kontemplative Ruhe.

„Den Galeristenschuh wollte ich mir anfangs nicht so richtig anziehen.“

Vielleicht ist es diese Atmosphäre, die die Qualität der Schauen bei Contemporary Pop Ups erklärt. Golestani ist ein Seiteneinsteiger. Als er 2015 ins kalte Wasser sprang, brachte er keinerlei Vorerfahrung mit. Der Sohn persischer Eltern hatte zunächst mal sehr lange studiert. 21 Semester. Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft. Danach arbeitete er in einer Werbeagentur, später dann als Regieassistent. Wie man das halt so macht als Geisteswissenschaftler. „Den Galeristenschuh wollte ich mir anfangs nicht so richtig anziehen“, sagt Golestani. Der Fokus solle auf der Kunst liegen, er selber halte sich lieber im Hintergrund. Artist Talks, Eröffnungsreden? Nicht seine Tasse Tee. Vielleicht müsse er in der Hinsicht noch an sich arbeiten. Ein selbstbewusster Auftritt sei schließlich wichtig in seinem Job. Kaufinteressierte überzeugen. Ihnen etwas empfehlen. Beweisen, dass man sich auskennt. Auskennen tut er zweifelsohne. Wenn der Mann mit den dunklen halblangen Locken über Kunst spricht, wirkt er gleichermaßen kompetent wie begeistert. Die Abgeklärtheit langjähriger Profis geht dem 40-Jährigen ab. Er ist Amateur im eigentlichen, im besten Sinne. Einer, der die Kunst liebt. Und das, was er macht. Geld spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Sein Lebensstandard sei ziemlich studentisch, so Golestani. Er freut sich, dass sich die Galerie trägt. Sein Auskommen sichert ein Nebenjob beim ZDF.

Golestani erinnert sich an das erste Werk, das er bei Contemporary Pop Ups verkauft hat. Nicht bei der Vernissage, sondern am letzten Tag der ersten Ausstellung von Stefan Theissen. „Auf den allerletzten Drücker“ schneite ein Sammler herein und erwarb ein abstraktes Mittelformat des Meisterschülers von Tal R. Golestani zeigt ein Bild der Arbeit. Sie schaut aus, als habe der Künstler das indische Holi-Fest, eine irre Schlacht mit Farbpigmenten, auf Leinwand festgehalten. Der Käufer jedenfalls war zufrieden – und kommt seitdem regelmäßig in der Galerie vorbei. Irgendwann lud er Golestani zu sich nach Hause ein, um ihm seine Sammlung zu zeigen. „Er hat mir gesagt, dass ich eine seiner beiden Lieblingsgalerien bin“, sagt der 40-Jährige und seine Freude über dieses Lob ist echt, ohne unbescheiden zu sein.

„Für den Künstler sind die Arbeiten wie Lebewesen.“

Genug vom Geschäft aber, jetzt möchte er über Kunst sprechen. Über die von Freya Stockford, die an der renommierten Glasgow School of Art studiert hat und deren Gemälde er zu den Klängen der Arctic Monkeys angebracht hat. Über eine Keramikarbeit von Katja Tönnissen, die eine Rakete darstellt, aber gleichzeitig etwas von einem Pinguin hat „und von einem Präservativ“. Oder über die schlangenlangen Kissen von Wanda Koller, Meisterschülerin von Rita McBride, auf denen die Vernissage-Besucher sich im März fläzten. Sie alle waren Teil der Gruppenausstellung „If you wash up, i’ll dry up“, die Anfang April zu Ende ging. Solo-Schauen sind bei Contemporary Pop Ups eher die Ausnahme. „Bei einer Einzelausstellung lastet sehr viel Druck auf dem Künstler, bei einer Gruppe verteilt es sich besser“, so Golestanis Erklärung. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie Amadeus Certa. Der junge Maler ist noch bis zum 14. Mai bei Contemporary Pop Ups zu sehen. Erst im Januar bekam Certa im Rahmen des „Rundgangs“ den Nachwuchspreis der Kunstakademie Düsseldorf verliehen. Der Künstler nahm die Auszeichnung im Unterhemd entgegen und bedankte sich neben seinem Professor auch bei David Hasselhoff, „because he is looking for freedom“. Wer eigentlich nicht?

Golestani für seinen Teil hat nicht nur die eigene Freiheit im Auge. Sondern auch die der Künstler. Die jungen Leute bindet er nicht durch einen Vertrag an Contemporary Pop Ups. Wer wechseln will, soll wechseln. „Bestimmte Sachen kann ich den Künstlern einfach nicht bieten“, räumt er ein. Messeteilnahmen zum Beispiel. Oder Kataloge. Dass die meisten trotzdem geblieben sind, zeigt, dass er im vergangenen Jahr gute Arbeit geleistet hat. Und auch sein Verständnis für die Eigenheiten der jungen Künstler scheint kaum Grenzen zu kennen. Er versteht es sogar, wenn einer sein Werk nicht verkaufen möchte. „Für den Künstler sind die Arbeiten ja wie Lebewesen.“ Daran, sie wegzugeben, müsse er sich erst gewöhnen. „Manchmal“, sagt Golestani, „ist es auch wichtig, ein Werk zu behalten.“

Contemporary Pop Ups
Collenbachstr. 39, Düsseldorf
Mi–Sa 12–18 Uhr