4.48 Psychose in Dortmund: Der Geruch von Kunstblut

Szene aus 4.48 Psychose | Foto: Edi Szekely

Am hinteren Ende des Raumes bewegt sich, ganz behutsam und für das Publikum kaum zu sehen, eine Hand mit einer selten gesehenen Eleganz und Geschmeidigkeit. Sie dirigiert die sanften Streicher, die Kay Voges' Version von 4.48 Psychose abschließen. Der gesamte Raum ist vom süßlichen Duft des Theaterbluts erfüllt, der einem noch eine Weile nach Verlassen des Schauspiel Dortmunds in der Nase bleiben wird – genau wie das leicht schwere Gefühl in der Magengrube.

Es ist der Abschluss einer Gefühlsexplosion, die im Laufe des 75-minütigen Stücks mehrere Vorbeben hatte, und sich durch Schreien, Beschimpfen, Selbstverletzung, Sound und Lichteffekte im großen Finale entlädt. „Zum Schluss hatte ich ein richtiges Happy-End-Gefühl“, der Satz meiner Begleitung wirkt grotesk, wenn man sich die reine Handlung von Sarah Kanes letztem Werk anschaut. Eine (oder mehrere) nicht näher definierte Person(en) befinden sich in psychiatrischer Behandlung. Angststörungen, Selbstverletzung, Selbstmordgedanken, Schlaflosigkeit, die ganze Palette. Die Unmengen an verabreichten Medikamenten zeigen Neben-, aber keine Wirkung: Gewichtsverlust, Gewichtszunahme, Gedächtnisstörungen, Aussetzen des Verstands, Selbstverlust. Erfahrungen, die die Autorin zu großen Teilen selbst machte, bevor sie sich kurz nach Fertigstellung des Stücks das Leben nahm.

Voges besetzt das Stück mit drei Personen, lässt sie mal Arzt und mal Patient sein. Der Kontakt zum Publikum ist gestört: Eingeschlossen in einem Kubus in der Mitte des Raumes sprechen die Darsteller nicht zum Publikum, sondern in eine Kamera. Schmerzerfüllte Gesichter, das Aufschneiden eines Armes, ein verbotener Kuss werden überdimensional groß auf die den Kubus umgebende Leinwände projiziert. Den Schauspielern bleibt nur ihr Gesicht und ihre Stimme, um ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Es genügt. Das Stück ist intensiv und zieht die Zuschauer in Kanes psychotische Welt mit hinein, in der sich alles im Kreis dreht. „Du kannst nichts dafür, du bist krank“, wiederholen die Ärzte mantraartig und verstärken damit das Gefühl von Schuld, Schutzlosigkeit und Scham umso mehr. „Vermindert es den Druck?“ – das Aufschneiden des Armes wird mit erlerntem Buchwissen behandelt. Verständnis und Interesse bleiben aus. Und so wachsen der Wahn und die Aussichtslosigkeit zu einem nicht mehr behandelbaren Geschwür heran. Eine Frage taucht überdeutlich auf: Welchen Wert hat das Leben noch, wenn der Verstand aussetzt und die Verzweiflung sich nicht heilen lässt? In diesem Kontext erscheint die nicht mehr ausschlagende Linie des EKGs tatsächlich wie ein erlösendes Happy-End.

  • Mit: Merle Wasmuth, Björn Gabriel, Uwe Rohbeck
  • Regie: Kay Voges
  • Bühne: Kay Voges, Jan P. Brandt
  • Bodysounds/Musik: Tommy Finke
  • Video: Mario Simon
  • Coding/Engineering: Stefan Kögl, Lucas Pleß

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