Stücke 2013: Stillstand durch Bildung

| Foto: Andrea Seifert

Moskau, das ist bei Rebekka Kricheldorf keine Stadt, sondern ein Club. In ihrer Neuauflage schaffen es Tschechows „drei Schwestern“ nicht mal in die nächste Kneipe. Die Hausparty scheitert ebenfalls, an eine Reise in die russische Hauptstadt ist also gar nicht erst zu denken. Das Stück selbst wiederum hat es von Saarbrücken nach Heidelberg zum Stückemarkt geschafft, wo es den Preis für "die beste Nachinszenierung" bekam. 2013 wurde es nach Mülheim eingeladen und im Rahmenprogramm der Stücke gezeigt.

Fairerweise muss man sagen, dass der Weg nach Moskau für Irina, Mascha und Olga in diesem Stück weiter wäre, als im Original, denn das einzig russische an ihnen sind ihre Namen. Ansonsten leben die drei mit ihrem Bruder Andrej in Deutschland in der elterlichen, geerbten Villa. Ihre Namen verdanken sie einzig und allein dem Bildungsgrad ihrer Eltern, insbesondere deren Vorliebe für die russische Literatur.

Bildung behindert

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, auch die Sprösslinge geben sich lieber den schönen Künsten hin, anstatt wirklich zu arbeiten. Lediglich Olga, die Älteste, schafft es immerhin in den Lehrerberuf, in dem sie jedoch kreuzunglücklich ist. Andrej beginnt nach gescheiterter Schriftstellerkarriere notgedrungen einen Job im Kulturamt der Stadt. Die Rahmenhandlung bleibt also eng an Tschechows Original und doch schmeißt uns Kricheldorfs Version mitten in die Jetztzeit der Generation Y.

Die geistige Elite ist hier nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die aktuelle Situation wird bejammert und verflucht. Anstatt einen anderen Weg einzuschlagen, wird nur darüber nachgedacht, welcher für einen selbst der erfüllenste sein könnte. Was folgt, ist Stillstand. Studiert wird weder auf ein Ziel hin, noch um des Studierens Willen, sondern lediglich um der völligen Orientierungslosigkeit wenigsten den Anstrich eines Sinns zu geben. Besonders beim Studium der Philosophie oder der Soziologie blättert dieser jedoch gewaltig. Geld kommt natürlich nicht rein und so schuldet die studierende Schwester der Familienkasse jedes Jahr rund 10.000 Euro mehr.

Arbeit macht auch nicht glücklich

Eine Hymne auf die körperliche Arbeit ist „Villa Dolorosa“ aber auch nicht. Mascha, die unentwegt von den Vorzügen „echter“ Arbeit schwärmt, ohne die man den Kontakt zum Leben verliere und dauerhaft unglücklich würde, eben diese Mascha schafft es gerade mal drei Wochen lang an der Wursttheke zu arbeiten, bevor es ihr an Ästhetik und Sinn mangelt. Finanziell abgesichert durch ihren langweiligen Mann führt sie eine tödlich langweilige aber ihren Standard haltende Ehe.

Auch das Prekariat wird in der „Villa Dolorosa“ nicht zum romantisierten Sinnbild des echten Lebens erhoben. Janine, Andrejs Frau, ist das, was die Schwestern als geistlich „schlicht“ bezeichnen. Ihre Plateau-Turnschuhe und grellen Party-Tops schreien gegen die biedere Rollkragen und Stoffhosenfraktion an. Ihre ganze Hoffnung setzt sie auf ihren Nachwuchs, den sie mit zwei Jahren bereits für hochbegabt hält. Mit unzähligen Hausregeln versucht sie ihn vor den exzentrischen Eskapaden seiner Tanten zu schützen, besonders auf deren Alkoholkonsum reagiert sie empfindlich, schließlich war der eigene Vater Alkoholiker.

Eine Anleitung zum Glücklich sein liefert uns Rebekka Kricheldorf nicht, stattdessen wiederholt sich das Drama der Familie Jahr für Jahr, es wird gestritten, geweint und geschrien. Lediglich Spott und viel Alkohol machen das öde stagnierte Leben erträglich. Diesem Drama zuzuschauen macht trotzdem immensen Spaß: Das Ensemble des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken brilliert, besonders Saskia Petzold, die beim abschließenden Verbeugen vor dem Publikum so jung und frisch strahlt, dass man kaum glauben kann, das die gleiche Person eben noch überzeugend die frustrierte alte Olga mimte. Zusätzlich sind Dialoge und Pointen messerscharf und führen einen Lebensweg nach dem anderen gekonnt und genüsslich vor.

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