Sexarbeit: Berichte aus der Buntzone

Proben im Unterleib der Stadt | Foto: Caroline Drechsel

Am 24. Mai feiert im Grillo-Theater „Pornoladen – Aus dem Unterleib der Stadt“ seine Uraufführung. Bei dem Bürgerprojekt von Marc-Oliver Krampe stehen neben Lisa Jopt und Johann David Talinski aus dem Essener Ensemble vor allem Laien im Rampenlicht. Ihnen allen ist gemeinsam, dass Sex und Geld für sie kein Widerspruch ist. Eine von ihnen ist Fraences Funk.

„Mit 14 oder 15 Jahren habe ich mir schon vorgestellt, Hure zu werden“, erzählt die gebürtige Engländerin. Ausschlaggebend für den nicht ganz selbstverständlichen Berufswunsch seien damals die Huren in den Tatort-Filmen gewesen. Mit 23 Jahren ist die kleine agile Frau dann ins Geschäft mit dem Sex eingestiegen. Das war irgendwann in den 80er Jahren, als es in Deutschland noch den klassischen Luden gab. Fraences Funk hat allerdings nie für einen Zuhälter gearbeitet, sondern war immer selbstständig. Und ist es bis heute.

Macht dir dein Job immer Spaß?“

Neben Lobbyarbeit für die Sexworker ist sie immer noch selbst aktiv. Die Frage, ob ihr der Job tatsächlich Spaß mache, kontert sie mit einer Gegenfrage: „Macht dir dein Job immer Spaß?“ Nein, natürlich nicht. Klar nerve es sie, wenn Freier anrufen und einfach unhöflich sind oder versuchen, sie zu verarschen. „Da hast du dann jemanden am Telefon, der vorgibt, mit dir einen Termin machen zu wollen, über Praktiken spricht, und du weißt ganz genau, dass er sich gerade einen runter holt. Die wollen nur kostenlosen Telefonsex.“ Früher seien die Freier auch insgesamt höflicher gewesen, hätten auch mal zum Date eine Flasche Sekt mitgebracht.

Fraences Funk engagiert sich für sexworker-deutschland.de. Es geht vor allem um die Gründung eines großen deutschen Berufsverbandes. Denn so sehr sich die Situation der Sexworker in den letzten Jahren durch neue Gesetze verbessert hat, sind diese Gesetze immer noch Teil des Polizeigesetzes. Eine eindeutige Diskriminierung ihres Berufsstandes findet die Aktivistin, die gerne sagt: „Prostitution ist keine Grauzone, sondern die Buntzone.“ Dennoch sei die Akzeptanz des Gewerbes in den letzten Jahren deutlich gestiegen. „Früher konnte eine Prostituierte kein Konto eröffnen“, erzählt Fraences. „Ich war vor kurzem bei der Sparkasse, und die Frau fragte mich, was ich arbeiten würde. ,Ich bin selbstständig‘, antwortete ich. In welchem Bereich fragte sie. Ich sagte: ,Ich bin Prostituierte‘ und hatte das Konto.“

offizielle Ausbildung für Sexworkerinnen

Das Klischee von der Frau, die ungewollt in die Prostitution abrutscht, sei völlig überholt. „Immer mehr Frauen entscheiden sich ganz bewusst für den Job“, ist Fraences überzeugt. Es sei eine Möglichkeit, unabhängig zu sein, aber für viele Frauen auch die Chance, eigene sexuelle Fantasien auszuleben. „Auf einem Kongress haben wir sogar mal darüber nachgedacht, ob man nicht eine offizielle Ausbildung für Sexworkerinnen einführen müsste. Sinnvoll wäre das auf jeden Fall, und der Verein move.ev.org arbeitet derzeit wieder daran. Das Problem ist nur: Wie soll die praktische Abschlussprüfung durchgeführt werden?“, grinst Fraences und drückt ihre Zigarette aus.

Auch wenn Fraences so gar nicht das optische Klischee einer Sexworkerin bedient, wie sie da mit goldenen Turnschuhen, Jeans, T-Shirt und Kurzhaarschnitt sitzt, ein Klischee scheint dann doch zu stimmen: „Natürlich geht es bei unserer Arbeit um viel mehr als Sex. Wir sind auch so etwas wie Therapeutinnen.“ Und tatsächlich hat sie selbst auch mal ein Psychologiestudium angefangen.

Seit 13 Jahren ist Fraences mit Günther verheiratet – auch das geht. Er kommt nicht aus dem Gewerbe und war auch nie Kunde. „Ihm gefällt es natürlich, dass meine politische Arbeit immer mehr in den Vordergrund rückt“, gesteht Fraences. Auch das wird sicher ein Thema sein, wenn sie ab Ende Mai gemeinsam in der Casa auf der Bühne stehen und das wahre Leben im Sex-Geschäft zum Thema im „Pornoladen“ wird.

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Kommentare

  1. von Suzanna 05.06.13 (20:27 Uhr)

    hier gibt es einen interessanten filmbericht dazu:

    http://www.bochumschau.de/pornoladen-theater-schauspiel-essen-2013.htm

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