Kreatives Unruhepotenzial

Bunte Parade durch Dortmund | Foto: Michael Blatt

Als „Forum für gesellschaftliche Themen und Fragestellungen“ und „Kulturzentrum neuen Typs“ definiert sich das Dortmunder U in seiner Selbstdarstellung. Zwei aktuelle Ausstellungen greifen diesen Anspruch auch auf. So wird „The Master´s Voice: Von Stimme und Sprache“ als „Ausstellung (…) über die Stimme als politischer Sprachakt“ beschrieben, und die Werkschau „Stadt in Sicht“ versteht sich als „Übersicht künstlerischer Sichtweisen zur Stadt“.

Kaum zu erklären ist vor diesem Hintergrund allerdings das Gebaren der Verantwortlichen gegenüber den Organisatoren des Euromayday Ruhr. Die farbenfrohe Parade gegen prekäre Arbeits-, Wohn- und Lebensverhältnisse hätte ihren diesjährigen Umzug am 4. Mai gerne vor dem U-Turm gestartet. Daraus wird nun allerdings nichts.

Denn laut der Euromayday-Veranstalter sei ihnen als Begründung am Telefon mitgeteilt worden, dass sich unter der Leonie-Reygers-Terrasse, dem Vorplatz des U, eine „wichtige Kunstsammlung“ befände, so dass einerseits kein LKW auf den Platz fahren dürfe und andererseits Bässe des Soundsystems die Alarmanlage auslösen könnten. So weit, so wenig nachvollziehbar.

Hinzu kommt, dass die Stadt es den Demo-Anmeldern zur Auflage gemacht haben soll, öffentlich als Startpunkt lediglich „neutral“ vom „Westentor“ zu sprechen und das U auf keine Weise zu erwähnen. Begründung: Das Kunst- und Kulturzentrum sei politisch neutral positioniert. Sich einerseits als Forum für gesellschaftliche Themen bezeichnen, andererseits aber möglichst viele Stolpersteine setzen, wenn Menschen auf soziale Armut, Fehler im Bildungssystem und eine knallharte Flüchtlingspolitik aufmerksam wollen, passt jedoch nicht wirklich zusammen, oder?

Kommt nach vorne!

Die Euromayday-Organisatoren wollen sich von derlei Unannehmlichkeiten jedenfalls nicht die Motivation für ihre Parade nehmen lassen. Argumente, am 4.5. auf die Straße zu gehen, gibt es in Dortmund denn leider auch jede Menge. Seien es die unzureichende Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, der fortschreitende Prozess der Privatisierung öffentlichen Eigentums, der gesellschaftliche und staatliche Umgang mit Zuwanderern aus Ost-Europa oder die weiterhin existierenden rechtsextremistischen Strukturen in der Stadt.

Das diesjährige Demo-Motto „Kommt nach vorne!“ versteht sich zum einen als Solidaritätsbekenntnis gegenüber Tim H., der für diese vermeintlich getätigte Parole auf einer Antifa-Demonstration in Dresden vom Amtsgericht zu knapp zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Zum anderen wollen die Ruhr-Aktivisten mit dem Slogan alle Teilnehmer dazu aufrufen, nicht nur „mitzulaufen“ sondern sich im Optimalfall selbst bunt zu kostümieren und eigene Transparente zu gestalten. Und wer weiß, vielleicht ändert bei so viel geballtem Kreativpotential sogar das Dortmunder U noch seine Meinung zum Euromayday.

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