Gießkannenprinzip: n.a.t.u.r.-Festival

Volle Kanne N.A.T.U.R. | Foto: Kühlem

In der Bochumer Rotunde wird Sekt ausgeschenkt, das Team des Festivals N.A.T.U.R. feiert ausgelassen und stülpt sich fürs Foto Gießkannen über den Kopf. Erst vor drei Stunden haben die Aktiven erfahren, dass ihr groß angelegtes Programm überhaupt stattfinden kann – das NRW-Kulturministerium hat im letzten Moment seine Förderung zugesagt. Vom 8. bis 19. Mai wird es nun über 150 Veranstaltungen an 38 Orten in der gesamten Stadt geben.

„Natürliche Ästhetik im urbanen Raum“ – das bedeutet die Abkürzung N.A.T.U.R., unter der sich in den vergangenen Jahren eine bunte Mischung von Initiativen, Visionären, Querdenkern zusammenfand und über den gesamten Stadtraum wucherte. Mit Ausstellungen, Vorträgen, Workshops, Konzerten, gemeinsamen Pflanz- und Kochaktionen trat man ein für eine bessere, grünere, nachhaltiger wirtschaftende und denkende Welt. „Dieses Jahr verfolgen wir den Gedanken des Stutzens“, erklärt Marie-Louise Hansel vom Orga-Team. Und meint damit: Das Festival will sich professionalisieren, Energien koppeln und konzentrieren und auf über den eigentlichen Veranstaltungszeitraum hinaus in den Stadtraum wirken.

Wie wollen wir leben?

Wie das Festival in die Stadt wirken will, lässt sich am besten an einem Ort festmachen: Der Rotunde in der Bochumer Innenstadt und der ihr angeschlossenen, rund 2 000 Quadratmeter großen Brachfläche. „Die Rotunde wird das Herz des Festivals, die Brache der Festival-Campus“, sagt Organisatorin Nadin Deventer. An der Rotunde wird es am 8. Mai um 19 Uhr eine große Eröffnungsveranstaltung mit einer „inszenierten Eröffnungsrede“, mit Musikern, Schauspielern, Tänzern und Wissenschaftlern geben.

Im Wildwuchs der Brache setzen sich in den darauf folgenden Tagen die unterschiedlichsten Gruppen mit der Frage auseinander: Wie wollen wir leben? In Kooperation mit den Urbanen Künsten Ruhr wird zum ersten Mal das Stuttgarter Kollektiv Umschichten, das zwischen Architektur und Kunst operiert, in Erscheinung treten, das bereits seit Herbst den Stadtraum „scannt“. Gemeinsam mit den Besuchern betreiben sie Upcycling, bauen also zum Beispiel Möbel aus Sperrmüll und anderen Resten des urbanen Lebens. Die Gruppe Großstadtdschungel baut ein „Baumhaus 2.0“ unter anderem aus alten Feuerwehrschläuchen, die Art Monkeys Society des Museums Bochum errichtet eine Kuh-Skulptur aus Tetrapaks, und die Dortmunder Gartenmiliz eröffnet eine Pflanzentauschbörse und entwickelt Seedbomb-Kugeln.

Innenstadt-Campus

Eine bleibende Vision für die innerstädtische Brache hat das Collaboratorium C60 der Bochumer Hochschulen entwickelt: Architektur-Studierende der Fachhochschule Bochum feilen gerade an Entwürfen für einen Innenstadt-Campus, der aus kleinteiligen Pavillons besteht, die dann Lehrenden und Lernenden als Vorlesungs- oder Ausstellungsräume, Gasthäuser oder Gastronomien zur Verfügung stehen. „Wir denken dabei von der Landschaft aus“, sagt C60-Leiter Sven Sappelt. „Kleine Einzelgebäude stehen mit hoher Durchlässigkeit in der Grünfläche.“ Wie das aussehen könnte, wird das C60 zum ersten Mal im Programm des Festivals N.A.T.U.R. präsentieren – und vielleicht auch schon den ersten exemplarischen Pavillon errichten.

Wie die vielfältigen Aktionen die Brache verändert haben, wird vollends beim großen Abschlussfest am 19. Mai zu erleben sein. Dann mit einer per „Muskelkraftwerk“ betriebenen Hauptbühne: Nur, wenn Besucher auf acht Fahrrädern ordentlich in die Pedale treten, funktioniert die Beschallung für rund tausend Zuhörer.

Veranstaltungstipps zum Festival

  1. Der Dr.-Ruer-Platz wird am Samstag, 18. Mai, ganztägig zum Ruhrlandsee. Weil das Ruhrgebiet durch seine Bergbauvergangenheit bereits um rund 25 Meter abgesackt ist und nur durch aufwändige Technik trocken gehalten wird, soll hier spielerisch die Vision der Überflutung vorgestellt werden. Eine fiktive Immobilien-Agentur preist Häuser am See an, Boote werden verkauft, ein neuer Arbeitsmarkt trägt der Entwicklung des Ruhrgebiets zum Ruhrlandsee Rechnung.

  2. Eine der erfolgreichsten Aktionen des Festivals N.A.T.U.R. war im vergangenen Jahr die Schnibbeldisco des Vereins Slow Food. Am Samstag, 11. Mai, findet sie deshalb ein zweites Mal auf dem Schauspielhausvorplatz statt. Wieder sind alle Interessierten aufgerufen, überschüssige Landwirtschaftserzeugnisse zu schnibbeln, daraus eine leckere Suppe zu kochen und so für eine nachhaltige Agrar- und Lebensmittelpolitik zu demonstrieren.

  3. Neben den unzähligen Mitmachaktionen lockt das Festival auch mit einem spannenden Konzertprogramm. Dazu gehören die Wiener Elektropopper König Leopold, die zuletzt mit dem irren Video zu „Kohlhauser“ für ordentlich Furore auf Youtube gesorgt haben (über 300 000 Klicks), das Londoner World Service Project mit Sounds zwischen Jazz und Rock oder die Lokalhelden Tengo Hambre Pero No Tengo Dinero.

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