Foodblogger: Die online Chefköche

Kochen zum Spaß und nicht für Sterne: Can Erdal (l.) & Ben Jopen | Foto: Benjamin Jopen

Essen ist fertig!

Vor dem Griff zum Besteck wird ein Foto vom Teller gemacht, nach dem Essen das Rezept gepostet. Seit 2004 der erste deutsche Foodblog online ging, hat sich das digitale Dinieren zum Volkssport entwickelt. Mit Düsseldorfer Foodbloggern sprach Berit Kriegs offline über ein Phänomen, das nicht nur Privatleute interessiert. 

Als Hannah Schmitz 2009 mit dem Bloggen begann, hatte sie schon eine steile Laufbahn als Fernsehköchin hinter sich. „Das perfekte Dinner“ war die erste Kochshow, an der sie teilnahm, es folgten „Unter Volldampf“, „Die Kocharena“, „Der Kochchampion“ – und bis auf Tim Mälzer in der Arena kochte Hannah alle Gegenspieler an die Wand. Da war sie Anfang zwanzig. Auf den Kochtrip kam sie mit vierzehn und seitdem nicht mehr davon runter. Hannah verschlang Kochbücher wie andere Leute Krimis, verfolgte jede Kochshow im TV und textete ihre Familie zu, bis die es nicht mehr hören konnte: „Bewirb dich da jetzt, und dann ist gut!“ Gut war es erst nach der größten Herausforderung. Hannah siegte unter 120 Teilnehmern beim Kochchampion und gewann neben 10 000 Euro ein Praktikum im Münchener „Tantris“. „Als ich das in der Tasche hatte, kam als Nächstes der Blog.“ 

„Hannah’s Kitchen“ ist eine professionell gestaltete Seite mit sehr schönen Fotos, schließlich studiert die 25-jährige Grafikdesign an der FH Düsseldorf. Seit kurzem lebt sie mit ihrem Mann in New York, wo sie an ihrer Karriere als Foodstylistin und -consultant bastelt. Das sei der beste Weg, um ihre Leidenschaft für Design und Kochen zu verbinden. Der Blog ist dafür ein guter Einstieg. Hannah postet hauptsächlich Rezepte, schreibt aber auch über alles andere, was Foodies interessieren könnte. „Eigentlich geht’s um Lifestyle, und für alles, was mich rund um dieses Thema inspiriert, ist der Blog die Plattform.“ Bei vielen Restaurantbesuchen ist die Kamera mit dabei, was hierzulande manche Gastronomen irritiert, wie jeder weiß, der schon selbst sein Essen in der Öffentlichkeit fotografiert hat. „In New York ist das überhaupt kein Thema“, sagt Hannah, „da weiß jeder, was ein Foodblogger ist.“ 

Tomaten, Thesen, Temperamente

Essen zu gehen und dies in Wort und Bild zu dokumentieren, ist ebenfalls Teil des Blogs „Topf & Löffel“ von Benjamin Jopen und Can Erdal. Beide sind dicke Kumpels, kochen oft zusammen und bloggen seit drei Jahren darüber – „komplett unabhängig, kritisch und wahrscheinlich oft subjektiv“. Nach ihren Restauranttests lassen sie eine T&L-Visitenkarte auf dem Tisch liegen, was nicht die dümmste Art ist, Klicks zu generieren. Die werden ohnehin immer mehr; Topf & Löffel berichtet unterhaltsam aus der Welt der Genussmittel („Tomaten, Thesen, Temperamente“), stellt nützliche wie unnütze Produkte vor, kommentiert Literatur zum Thema und hat jede Menge alltagstaugliche Rezepte in petto. 

Zum Gesprächstermin in Cans Küche lassen die zwei es sich nicht nehmen, ihre kulinarische Kompetenz zu beweisen: Salat vom Babyspinat mit Kartoffeldressing und Feta; gegrillter Paprikarisotto mit gebratenen Garnelen; mit Honig gratinierter Ziegenkäse auf Apfel-Chili-Kompott; dazu das legendäre „No Knead Bread“ nach dem Rezept der New York Times plus Möhren-Ingwer-Rosmarinmarmelade. Und zum Abschluss selbst gemachte Pralinen mit Himbeerdressing. „Die Rezeptabteilung hat auch einen Notizbuchcharakter für uns“, sagt Ben. Wenn der „Backlegastheniker“ einen Pizzateig machen will, schlägt er das Rezept auf dem hauseigenen Blog nach und hat sich mittlerweile zu einem passablen Bäcker entwickelt: „Auf einmal funktioniert das alles, und die Küche ist danach nicht mehr komplett sanierungsbedürftig.“ Wer regelmäßig foodbloggt, will außerdem mehr wissen. Woher kommt eigentlich unser Essen, wo kauft man am besten ein? „Ich werde demnächst ein bisschen mehr über Lebensmittel schreiben“, sagt Can. Wichtig sei es, unabhängig zu bleiben, Anzeigen haben auf der Seite nichts verloren: „Wir lassen uns nicht beeinflussen und haben keinerlei Absicht, damit Kohle zu verdienen.“

Wieder was dazugelernt

Auf Diskretion bedacht ist Véronique, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Véronique stammt aus Lyon, lebt seit über zwanzig Jahren in Düsseldorf und startete 2006 ihren Blog mit dem schönen Namen „Wie Gott in Deutschland“. Damals war sie die erste Französin, die auf Deutsch bloggte, womit sie ziemlich schnell viele andere Blogger anzog: „Ich dachte, auf Deutsch sei es vielleicht interessanter und ich könnte mit anderen Leuten kommunizieren.“ Austausch ist ihr das Wichtigste: „Es freut mich, wenn die Leute kommentieren oder Fragen stellen. Ich bin neugierig und möchte meinerseits etwas weitergeben, das es in dieser Form vielleicht noch nicht gibt.“ Das x-te Pastarezept oder das mal eben gepostete Abendessen findet man daher bei ihr nicht. Stattdessen Rezepte wie Scones aus Erdmandelmehl, Sauerampfer-Omelette, Entenconfit-Tajine, Topinambursuppe mit Gänsestopfleber. „Ich überlege mir vorher, was ich verbloggen will, und das ist nur, was ich selbst schreibe oder übersetze.“

Bloggen macht schlau, nicht nur die Leser, sondern mitunter auch den Urheber. Sie habe einiges über deutsche Gegebenheiten gelernt, sagt Véronique: „Ich habe zum Beispiel jahrelang nicht verstanden, warum man dieses Puddingpulver braucht. In Frankreich nimmt man Eier, Mehl, Milch und Zucker. Aber nach dem Krieg gab es in Deutschland keine Eier, anders als bei uns auf dem Land. Das wurde mir erst durch den Kontakt mit anderen Bloggern klar.“ Aus Zeiten, in denen hierzulande verschwenderisch mit Eiern und guter Butter gekocht wurde, stammt das Kochbuch von Henriette Davidis (1876). Daraus einige Rezepte nachzukochen und zu bloggen, ist Véroniques nächstes Projekt. Es bedarf wohl erst einer Französin, uns an das Erbe der berühmtesten deutschen Kochbuchautorin zu erinnern. 

Rühren in der Werbetrommel

Längst hat die Werbewirtschaft Foodblogger als potenzielle Markenbotschafter und Multiplikatoren entdeckt. Fast jeder ernsthafte Blogger wird mit Anfragen von PR-Firmen bombardiert. Wer mit Adresse im Impressum steht, erhält nicht selten unaufgefordert Pakete mit Produktproben. „Die Leute wollen eigentlich bloß, dass man umsonst Werbung für sie macht“, ist die einhellige Meinung. Allerdings macht sich nicht jede Agentur die Mühe, die Blogs ihrer Adressaten vorher zu lesen. Dann geht die Sache schon mal nach hinten los, wie Véronique zu berichten weiß: „Eine Firma hat einmal Joghurts an eine Bloggerin geschickt, aber leider übersehen, dass sie Lebensmittelchemikerin ist und gar nichts von Zusatzstoffen hält. Naja, das Ergebnis ihres Produkttests hat sie dann detailliert ins Netz gestellt.“

hannahschmitz.de

topf-und-loeffel.de

wiegottindeutschland.blogspot.com