Thomas Brandt: Erinnerungsstücke

Fotos: Hanne Brandt

Es geht ihm nicht um Stehrummchen. Keinesfalls. Sondern um Dinge, die eng mit Erlebtem verknüpft und Teil der jeweiligen Biografie sind. 81 davon versammelt Thomas Brandt in dem von ihm herausgegebenen Buch „Das Gedächtnis der Dinge“. Welche Bedeutung ein Norwegerpulli oder eine Blechdose mit tauben Vogeleiern für den jeweiligen Besitzer haben, kann man in dem wunderschön gemachten Werk auf 256 Seiten nachlesen.

Herr Brandt, laut Axel Hacke sind Frauen eher Wegschmeißer und Männer eher Behalter. Wie sieht das bei Ihnen aus, wie gut können Sie sich von Dingen trennen?

Am liebsten habe ich Dinge um mich, die fürs tägliche Leben gebraucht werden. Sie sollten möglichst gut aussehen und können dann Jahrzehnte bei mir bleiben. Das gilt für jede Form von Werkzeug und Gerät, aber ebenso für Bücher, Filme und Bilder, vor allem aber für Erinnerungen. Insofern bin ich ein Behalter. Mit allen Formen von Dekoration konnte ich noch nie viel anfangen, unnötige Geschenke oder unbrauchbar gewordene Dinge werden nicht alt bei mir. Insofern bin ich auch ein leidenschaftlicher Wegschmeißer.

In dem von Ihnen herausgegebenen Buch „Das Gedächtnis der Dinge“ schreiben Autoren über Gegenstände, die ihnen wichtig sind, an die bestimmte Erinnerungen geknüpft sind. Wie entstand die Idee zu dem Buch?

Eigentlich schon vor fünfzig Jahren, auf den Familienfesten meiner Großeltern. Dort hörte ich mir die Geschichten der Männer an, die inmitten dichten Zigarren- und Pfeifenqualms erzählt wurden, über Autos, von der Arbeit, dem Geld und der Politik. War ich es leid, schlüpfte ich in die Küche, wo die Frauen spülten und abtrockneten und dabei ihre Geschichten zum Besten gaben, über Liebe, Eifersucht, Trennung, Krankheiten und Tod. Das Interesse an Geschichten, die andere aus ihrer Sicht des Lebens zu erzählen wissen, ist geblieben. Letztendlich sind die von mir gestellten Fragen meist nur ein Anlass, der das Erzählen in Gang setzt. Mein Gegenüber meint, es ginge um banale Bilder, dabei geht es ums Leben, ums „Eingemachte“ sozusagen. Würden man direkt nach dem Leben fragen, dann würden die meisten verstummen.

An dem Buch haben 75 Autoren mitgewirkt. Wonach haben Sie sie ausgewählt?

Fast alle Leute, die ich gefragt habe, kennen mich schon lange. Denn man öffnet sich eher jemandem, dem man vertraut, von dem man weiß, dass er das Gesagte und Geschriebene diskret behandelt. Ich wollte die Wahrheit, doch wollte ich nicht, dass sich jemand fühlt, als habe er sich für das Buch „ausgezogen“. Letztendlich sollte sich jede Geschichte von der Person, die sie erlebt hat, lösen. Gefragt habe ich Menschen von großer Unterschiedlichkeit hinsichtlich Alter, Herkunft, Beruf und Temperament. Ich wollte eine große Bandbreite von Schicksalswendungen wie Krieg, Nachkrieg, Vertreibung, Flucht, aber auch Migration thematisiert wissen. Vor allem aber wollte ich ganz unterschiedliche Erzählweisen im Buch versammeln, knappe sachliche, ausschweifend detaillierte, ruhig auch humoristische, aber auch fiktionale. Die Gegenstände sind übrigens alle auch abgebildet. Das Fotografieren hat meine Tochter Hanne übernommen. Sie ist Fotografin.

Gab es eine Geschichte, die Sie besonders berührt hat?

Ja, die Geschichte des Schauspielers Jobst Schnibbe aus Antwerpen. Er schreibt über den letzten Pullover, den seine Mutter vor ihrer Alzheimer-Erkrankung noch für ihn stricken konnte. Anregung zu diesem Wunsch gab ein Foto im Magazin von „National Geographic“, das einen japanischen Südpolarforscher mit einem Norwegerpullover in einem Iglu zeigte. Er schildert, wie den Maschen des Pullovers, der viele Stationen seines Lebens überstanden hat, heute noch die Geschicklichkeit der Mutter sichtbar innewohnt.

Haben Sie selber auch einen Gegenstand beigesteuert?

Zwei sogar: zum einen eine Art Handbesen, den ich während des Studiums im ehemaligen Keller eines Mietshauses in der Düsseldorfer Friedrichstadt fand. Er bestand aus einem Handfeger, der seine Borsten verloren hatte, den man aber mit einem Besenkopf verschraubt, hatte, dessen neue Borsten sich dann im Laufe langjähriger Benutzung schräg abgenutzt haben – für mich ein Beispiel für die Erfindungskraft des Mangels. Das zweite ist eine Blechdose mit einem Nest und vier tauben Eiern eines Kanarienvogelpaares. Mit 14 wollte ich unbedingt Vogelzüchter werden – wahrscheinlich aus Sympathie für meinen schweigsamen Großvater, der Hühnerzüchter war, und sein wunderschönes Gartenreich, in dem ich aufwachsen durfte. In diesem Beruf bin ich allerdings gescheitert.

Das Gedächtnis der Dinge“ erscheint Ende März in der Edition schwarzbach und kann auf thomas-brandt-kunst.de bestellt werden

Lesungen

  • 6.4.+11.5. (jeweils 15.30 Uhr) Hitch, Neuss
  • 5.6. (20 Uhr) Rathaus, Alt-Büttgen
  • 1.7. (18 Uhr) Zentralbibliothek, Düsseldorf
  • 29.8. (19 Uhr) VHS Kaarst-Korschenbroich

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