Ruhrtriennale 2014: Goebbels Abschlussprüfung

Gregor Schneider: IM KERN | Foto: Gregor Schneider VG Bild-Kunst, Bonn

Zu seinem Abschlussjahr holt Heiner Goebbels noch einmal einige alte Bekannte aus seiner dreijährigen Intendanz bei der Ruhrtriennale ins Programm. Unter den großen internationalen Namen findet sich erneut der Theatermacher Romeo Castellucci, die Choreografen Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz sowie der Performancekünstler Lemi Ponifaso.

Die Eröffnung der Triennale wird in diesem Jahr nicht wie gewohnt in der Bochumer Jahrhunderthalle, sondern in der Kraftzentrale in Duisburg stattfinden. Mit De Materie hat sich Heiner Goebbels erneut ein Musiktheaterstück mit Opernwurzeln für die Eröffnung der Ruhrtriennale ausgesucht. Dabei stellt das Stück, das 1989 in Amsterdam seine Uraufführung die Erzählgewohnheiten der klassischen Oper auf den Kopf und überwindet damit die klassischen Grenzen dieser Kunst. Aufgeführt wird die Komposition des Niederländers Louis Andriessen in der Kraftzentrale in Duisburg.

Bei Surrogate Cities Ruhr (zu deutsch etwa „Ersatz-Städte Ruhr“) wird dem Ruhrgebiet und seinen Städten eine eigene Symphonie gewidmet. 140 Akteure aus dem Ruhrgebiet tanzen nach einer Choreographie von Mathilde Monnier, während die Bochumer Symphoniker den eigens komponierten Städteepos spielen.

Ein weiteres Highlight ist die Rauminstallation Totlast von Gregor Schneider, laut Heiner Goebbels „der wichtigste Raumkünstler der Welt“. Bei Totlast werden die Ausstellungsräume des Duisburger Lehmbruckmuseums nicht als Behältnis für Kunst verwendet, sondern selbst zur Installation. Schneider verändert diese so, dass z.B. begehbare Wohnräume oder ein Hochsicherheitstrakt entstehen. Die Kunst wird dabei durch das Begehen der Installationen erfahrbar gemacht.

Im Bereich Tanz kommen mit Anna Teresa de Keermaeker und Boris Charmatz erneut zwei absolute Größen ihrer Zunft zur Triennale. Erst im letzten Jahr begeisterte Charmatz mit einer Tanzperformance auf der Halde Haniel. Damals tanzten die Darsteller trotz strömenden Regen weiter und machten die Aufführung nicht zuletzt dadurch zu einem einzigartigen Erlebnis für die Zuschauer und auch für sich selbst. Das Folkwang Museum in Essen wird dieses Jahr Videoaufnahmen des Ereignissen in Form einer künstlerischen Endlosschleife zeigen.

Insgesamt setzt Heiner Goebbels sein Konzept der grenzüberschreitenden Kunst bei seiner letzten Ruhrtriennale konsequent durch. Größere Flirts mit der Popkultur, wie bei den Konzerten mit Massive Attack (2013) stehen diesmal nicht auf dem Programm. Auch Theaterproduktionen, die sich in ihrer Erzählweise an geschlossene Geschichten und Handlungsräume halten, wie z.B. Robert Lepages Playing Cards oder „Market Place 76“ der Needcompany, sucht man in diesem Jahr vergebens. Stattdessen bietet die Ruhrtriennale 2014 eine Ansammlung führender Vertreter der modernen Kulturszene, die sich außerhalb üblicher Grenzen von Genre, Erzählweise und Raum bewegen. Es scheint, als ob dies Goebbels Abschlussprüfung für das Publikum ist, dem er während seiner Zeit vor allem eines beibringen wollte: Das Erfahren von Kunst, Theater, Tanz und Musik jenseits der gängigen Muster, Traditionen und Grenzen.

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