Die Quadriennale 2014: Zukunftsentwürfe

Der Himmel als Leinwand: Fliegende Skulpturen von Otto Piene | Foto: Nan Rosentahl

Als Otto Piene und Heinz Mack Ende der 1950er Jahre die ZERO-Bewegung gründeten, forderten sie den absoluten Neuanfang der Malerei. Sie experimentierten mit bis dato unüblichen Materialien, nutzten Licht, Wind, Feuer oder Bewegung. Piene füllte seine Skulpturen gar mit Helium und ließ sie fliegen. Kurzerhand erklärte er den Himmel zur „größten Leinwand, die es je gab“. Das war sein Zukunftsentwurf. Mittlerweile haben die schwebenden Skulpturen mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Und sind dennoch aktuell wie eh und je, wie eine Ausstellung im Rahmen der diesjährigen Quadriennale beweist. Die startet am 5. April.

„Über das Morgen hinaus“ lautet das Leitmotiv der mittlerweile dritten Ausgabe des Festivals der Bildenden Kunst in Düsseldorf. 13 Museen, Kunsthäuser und Partner-Institute sind beteiligt. Sie alle haben sich eingehend mit dem Thema Zukunft befasst. Wie stellen sich Künstler heute die Zukunft vor? Welche Vorstellungen hatten sie früher? Welche Rolle spielten dabei die verwendeten Materialien? Fragen, die die Museumsleute umtrieben. Ebenso wie Dr. Wolfgang Ullrich, Professor für Medientheorie und Kunstwissenschaft. Bis zu seinem freiwilligen Abgang („aus persönlichen Gründen“) im August 2013 war Ullrich gemeinsam mit den Häusern für die Dramaturgie der Quadriennale verantwortlich. Es genüge nicht, Zukunftsdebatten auf Nachhaltigkeit zu reduzieren, so Ullrich, „denn damit versteht man Zukunft lediglich als Fortsetzung von Gegenwart und erklärt den heutigen Status zum Maßstab.“

Langen Foundation

Zurück zu Piene. Ihm ist die einzige Quadriennale-Schau gewidmet, die nicht auf Düsseldorfer Boden stattfindet. In der Neusser Langen Foundation liegt der Fokus auf den sogenannten Inflatables, großen aufblasbaren Skulpturen, die der 85-Jährige seit den 1960er Jahren schafft. Und auch das Firmament wird Piene erneut mit einbeziehen: Für den 9. August ist ein Sky Event anberaumt (Verschoben vom 12. Juni). Unter Mithilfe der Besucher sollen dann mit Helium gefüllte Skulpturen des Meisters aufsteigen. Auf dass die Kunst, so das Anliegen des Herrn Piene, eine Verbindung mit der sie umgebenden Landschaft eingehe.

Kunstpalast

Im Düsseldorfer Museum Kunstpalast bleibt die Kunst hingegen in ihren vier Wänden. Im Ehrenhof geht es um Alchemie, die Kunst, Gold zu machen, Neues entstehen zu lassen und die Welt zu erforschen. All das, da setzt die Idee an, haben die Alchemisten mit vielen Künstlern gemein. Und so hat man die Ausstellung „Kunst und Alchemie – Das Geheimnis der Verwandlung“ genannt. Gezeigt werden Werke unterschiedlichster Gattungen, von der Antike bis heute. Insgesamt 28 Künstler sind in der MKP-Schau vertreten, darunter Peter-Paul Rubens und Albrecht Dürer, aber auch Joseph Beuys, Anselm Kiefer oder Rebecca Horn. In die Ausstellung integriert sind eine Kunst- und Wunderkammer, ein Alchemielabor und eine Farbenwerkstatt.

K20

Kasimir Malewitsch/Foto: Kunstsammlung NRW

Gleich drei große Namen innerhalb einer Ausstellung präsentiert das K20. Den Titel der besucherstärksten Quadriennale-Veranstaltung dürfte diese Schau – trotz kürzester Laufzeit – so gut wie sicher haben. Das garantieren die Herren Kandinsky, Malewitsch und Mondrian, deren weiße Flächen in dem Haus am Grabbeplatz ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Den Avantgarde-Pionieren galt Weiß – und da haben wir den Bogen zum Leitmotiv – als Symbol für eine zukünftige Welt. Kandinsky formulierte einst: „Das Weiß wirkt auf unsere Psyche als ein großes Schweigen.“ Und Malewitsch befand: „Der weiße, freie Abgrund, die Unendlichkeit liegt vor uns.“ Endlich ist hingegen die Ausstellung im K20: Aufgrund der eng befristeten Leihdauer vieler Exponate, endet „Der weiße Abgrund Unendlichkeit“ bereits am 6. Juli. Darüber hinaus zu erleben ist ein von Olafur Eliasson gestalteter Raum, der die Besucher für Weiß sensibilisieren möchte.

K21

Dem Unterirdischen widmet sich derweil das dem K20 verschwesterte K21. Ausgangspunkt der im Ständehaus gezeigten Ausstellung ist Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“. In dem Spätwerk aus den Jahren 1923/24 will ein dachsähnliches Tier den perfekten Erdbau errichten und wird dabei paranoid. Der Text, der unvollendet blieb, wird im K21 mit künstlerischen Mitteln fortgesetzt: „Unter der Erde. Von Kafka bis Kippenberger“ heißt die entsprechende Ausstellung. Mit dabei unter anderem der Mönchengladbacher Gregor Schneider. Seine Installation „Kinderzimmer“ kann man über ein Abflussrohr erreichen, das in einen leeren Raum mündet. Thomas Schütte und Henry Moore widmen sich dem Thema Bunker. Die US-Amerikanerin Roni Horn hat für ihre Skulptur „Ant Farm“ einen Ameisenbau freigelegt. Und Martin Kippenbergers Arbeit „Tiefes Kehlchen“, 1991 für die Wiener Festwochen entstanden und in einem U-Bahnschacht aufgebaut, wird an geeigneter Stelle erstmals in Düsseldorf zu sehen sein.

Kunsthalle

INS Department of Propaganda/Foto: R. Eaton

Einen kritischen Ansatz verfolgt die Schau „Smart New World“ in der Kunsthalle. Thema ist das Individuum in der Informationsgesellschaft, die stets auch eine Überwachungsgesellschaft ist. Dass die Privatsphäre tot ist, ist spätestens seit Whistleblower Edward Snowden klar. Eine Amerikanerin erfuhr beispielsweise durch eine Gratulations-Mail ihres Supermarktes, dass sie schwanger war. Ihr Kaufverhalten hatte sich verändert, woraufhin Rechenmodelle ihre Schwangerschaft vorausgesagt hatten – bevor sie es selber wusste. Die Schau in der Kunsthalle versammelt Arbeiten von internationalen Künstlern einer jungen Generation, die die Auswirkungen des „Datenkapitalismus“ auf unser tägliches Leben untersucht haben.

Filmmuseum

In die Vergangenheit schaut derweil das städtische Filmmuseum, das für die Quadriennale in die Räume des NRW-Forums umzieht. Unter dem Titel „Visionen und Alpträume – Die Stadt der Zukunft im Film“ gibt es dort einen Überblick über hundert Jahre Zukunftsvision Stadt – angefangen bei den 1920er Jahren bis heute. „Das immer aktuelle Thema ,Stadt der Zukunft’ wird zugleich aus dem Blickwinkel der Filmkunst, aber auch aus dem von Architektur und Technik behandelt“, so Museumsdirektor Bernd Desinger. Zudem werde der Frage nachgegangen, „inwiefern architektonische Visionen und Zukunftsbilder der klassischen Künste die Filmbilder beeinflusst haben“. Eine umfassende Filmreihe in der Black Box ergänzt das Ganze.

KAI 10

Foto: J.-P. Flavien /Galerie Catherine Bastide

Auch das im Düsseldorfer Hafen angesiedelte KAI 10 verlässt seine angestammten Räume – um sich mit seiner Nachbarschaft zu befassen. „Backdoor Fantasies“ lädt die Besucher ein, jenes Gebiet zu erkunden, dem man das Label „Medienhafen“ aufgedrückt hat. Das alte Hafengebiet, das durch Sanierungen und viel moderne Architektur in den vergangenen Dekaden eine starke Veränderung erfahren hat. Die spezifische Atmosphäre des Quartiers soll von über einem Dutzend internationalen Künstlern eingefangen und gespiegelt werden. Könnte spannend werden!

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