lonelyfingers.com: Zurück zur Idee

Diango Hernandez und Anne Pöhlmann

Interview mit dem Düsseldorfer Künstlerpaar Anne Pöhlmann und Diango Hernandez

Sie wollen keine Kunst verkaufen, keine Kunst zeigen und nicht kuratieren. Mit lonelyfingers.com hat das Düsseldorfer Künstlerpaar Anne Pöhlmann und Diango Hernandez ein Feld besetzt, das bisher unbeackert war. Es geht um Dinge, die den künstlerischen Arbeitsprozess auslösen. Die zeigen sie auf ihrer Website und derzeit auch im Mönchengladbacher Museum Abteiberg. Alexandra Wehrmann sprach mit der Dame aus Dresden und dem Herrn aus Kuba.

Das von euch initiierte Projekt lonelyfingers gibt es seit vergangenem Jahr. Welche Idee verbirgt sich dahinter?

Anne: Als Künstler ist man heutzutage in einem relativ starren System drin. Man ist dazu verdammt, passiv zu sein, darauf zu warten, dass Leute, sei es nun von Institutionen oder Galerien, auf einen zukommen, um etwas mit einem zu machen. Aus dieser Situation wollten wir gerne raus, aus diesem Reagieren müssen. Wir als Künstler wollten gerne stärker agieren. Wir haben zunächst an unterschiedliche Formate gedacht, auch an einen Blog oder eine Zeitschrift. Beides hat sich aber zerschlagen. Durch verschiedene Projekte, in die Diango und ich involviert waren, haben wir überall auf der Welt Künstler kennen gelernt, die eine ähnliche Arbeitsweise hatten wie wir. Mit denen haben wir uns über den Arbeitsprozess ausgetauscht. Als Künstler musst du ja generell abliefern. Für Ausstellungen brauchst du Resultate, Werke. Das hat halt viel mit den Mechanismen des Kunstmarkts zu tun. Wir wollten gerne an den Anfang des Prozesses zurückgehen. Mehr über Ideen sprechen. Über das, was den Anstoß gibt zu einem Kunstwerk. Das kann ein Gegenstand sein. Aber auch ein Text, der lediglich als Datei existiert. Genau das, wir sprechen von „finds“, also zu Deutsch Funde oder Fundstücke, zeigen wir auf lonelyfingers.com. Letzten Endes soll das Projekt natürlich auch Plattform sein, die auf die kreative Arbeit der Einzelnen verweist.

Diango: Wir haben beobachtet, wie schwer sich viele Museen mit den neuen Medien tun, mit der Technologie. Wir glauben aber, dass das in der heutigen Zeit unerlässlich ist – nicht nur für große, weltweit agierende Unternehmen, sondern auch für Künstler. Sie brauchen eine Website, und zwar eine gute, um sichtbar zu sein. Deshalb haben wir uns mit der Seite sehr viel Mühe gemacht, viel Zeit und Arbeit investiert. Wir möchten auch den virtuellen Raum stärker für die Kunst beanspruchen.

Das heißt, es gibt Künstler, die sich bei lonelyfingers beteiligen, die noch keine Webpräsenz hatten?

Anne: Ja, die gibt es. Man ist ja als Künstler ein Ein-Mann-Unternehmen, muss alles selber machen. Die Arbeiten produzieren, über die Arbeiten sprechen, sie präsentieren in Wettbewerben, Katalogen, Portfolios. Die Website wird da oft hinten angestellt – auch weil man sich die technische Seite erst noch erarbeiten muss oder weil gerade kein Geld dafür zur Verfügung steht. Bei unserer Seite hat uns sehr geholfen, dass Diango ursprünglich mal in seiner Heimat Kuba Design studiert hat und später in Italien in einer Werbeagentur gearbeitet hat.

Diango: Und mein Bruder ist Programmierer, unser unsichtbarer dritter Mann. Entscheidend ist natürlich in erster Linie der Inhalt, die Idee. Aber auch die Präsentation ist nicht zu unterschätzen. Die Umsetzung hat sehr lange gedauert. Es war schwierig eine E-Commerce-Plattform zu finden, die zu unseren Bedürfnissen passt. Jetzt arbeiten wir gerade an der App (zückt sein Handy und zeigt eine Demoversion).

Anne, du sagst, die beteiligten Künstler haben eine ähnliche Arbeitsweise. Wie sieht die aus?

Anne: Unsere Ideen ziehen wir oft aus gefundenen Objekten. Diango und ich gehen zum Flohmarkt und gucken auf Ebay. Das ist eine Praxis, die sich mittlerweile bei vielen jüngeren zeitgenössischen Künstlern durchgesetzt hat. Als ich angefangen habe zu studieren, das war Ende der neunziger Jahre, kam diese Arbeitsweise langsam auf. Man hat sich damals noch kritisch damit auseinandergesetzt und überlegt: Darf man das überhaupt, das Material so verwerten? Mit diesen Referenzen arbeiten? Oder ist das ein Recycling von Ideen und Ästhetiken? Heute ist es einfach eine gängige Praxis.

War das Ganze also auch eine Art Hilfe zur Selbsthilfe, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise?

Anne: In gewisser Weise natürlich schon. Als Künstler bekommt man momentan, wenn man mit Institutionen arbeitet, oft gesagt: Nein, wir müssen sparen, wir schalten zurück. Diango und ich sind aber der Ansicht, dass das nicht die richtige Reaktion ist. Weil es keine Energie kreiert, die etwas hervorbringt. Das ist die Gefahr. Ich bin jetzt 35 und gehöre damit der Generation an, die, seit sie arbeitet, immer nur hört: Es wird immer schlimmer. Es gibt immer weniger Geld. Damit muss ich natürlich irgendwie umgehen. So kann ich mein Leben einfach nicht führen. Ich muss das Beste für mich entwickeln. Dafür muss ich mehr Energie investieren als ich es vor 15 Jahren hätte tun müssen. Aber es kommt eben auch etwas zurück. Und das muss nicht unbedingt Geld sein.

Gibt es, gerade im Kunstbereich, auch Leute, die die Segel streichen in so schwierigen Zeiten?

Diango: Die gibt es auf jeden Fall. Gerade unter den jüngeren Galeristen haben zuletzt viele Leute ihre Räume geschlossen, die zuvor über einen langen Zeitraum etwas aufgebaut hatten. Sie konnten ihr Business einfach nicht mehr aufrechterhalten – aus finanziellen Gründen.

Woher kommt der Name des Projekts, lonelyfingers?

Anne: Diango hat vor ungefähr einem Jahr eine Ausstellung gemacht, die denselben Titel trug: lonelyfingers. Der Name meint den Künstler, der an seinem Arbeitsplatz ein neues Werk erschafft. Die einsamen Hände, die im Atelier arbeiten. Das ist ja ein Moment, den man mit niemandem teilen kann. Der ist einfach immer einsam. Das hat auch gar nichts Negatives.

Diango: Wir nutzen unsere Finger ja mehr als jemals zuvor. Für den Rechner. Fürs Mobiltelefon. Es sind halt komplett andere Tätigkeiten, die man heute mit den Fingern ausführt als früher. Davon abgesehen, ich finde, lonelyfingers ist einfach ein witziger Name.

Könnt ihr ein paar Beispiele für Funde nennen?

Anne: Monika Stricker hat uns zum Beispiel eine Streichholzschachtel gegeben – mit dem witzigen Aufdruck „shine eternally“. Von Rita McBride, bei der ich studiert habe, haben wir zahlreiche Werkzeuge, uralt und noch handgeschmiedet, bekommen.

Wie kommt ihr an die Sachen? Werden Sie von Künstlern zur Verfügung gestellt – oder macht ihr regelmäßig Rundgänge durch die Ateliers?

Anne: Nein, Rundgänge machen wir nicht. Wir sprechen vielmehr gezielt Künstler an, die wir kennen oder von anderen vorgeschlagen bekommen. Denen erklären wir zunächst, was lonelyfingers ist, was wir damit erreichen möchten. Dann überlegen sie sich, ob sie mitmachen möchten und schicken uns gegebenenfalls Fotos von Sachen. Über die treten wir dann noch mal mit ihnen in einen Dialog und überlegen gemeinsam, was wirklich gut passt, was spannend sein könnte. Die Gegenstände sollen auch als Gruppe Sinn machen, insofern kann es auch schon mal passieren, dass Vorgeschlagenes es nicht auf die Website schafft. Im Moment haben wir finds von 12 Künstlern im Angebot. Unser Plan ist es, dass das jedes Jahr um sechs bis acht Leute wächst. Zudem möchten wir ein bis zwei Mal im Jahr eine neue Collection online stellen, der ein spezielles Thema vorangestellt wird. Wir könnten uns vorstellen, dass wir ein Zitat in den Raum stellen und die teilnehmenden Künstler darauf reagieren und aus den Reaktionen eine Sammlung zusammengestellt wird. So ist übrigens auch die Pussy Riot Collection zustande gekommen.

Könnt ihr anhand eines Beispiels erläutern, inwiefern einer der Funde mit einem Kunstwerk in Verbindung steht?

Anne: Anhand von Rita McBride kann man es ganz gut erklären. Sie ist Bildhauerin und Installationskünstlerin. In ihrer Arbeit bezieht sie sich stark auf Architektur, ja Architekturutopien. Als McBride in den 1980er Jahren begann, Kunst zu machen, wurde sie als Amerikanerin immer mit den Minimalismus-Übervätern aus ihrer Heimat konfrontiert. Donald Judd. Oder Laurence Weiner. Ich glaube, das ist etwas, was sie bis heute in ihren Arbeiten immer wieder leicht ironisch thematisiert: die Befreiung von diesen Übervätern. Die Metallwerkzeuge, die Rita uns für lonelyfingers überlassen hat, stehen in dem Zusammenhang für etwas typisch Männliches, das schwer zu handhaben ist, für eine Frau jedenfalls schwerer als für einen Mann.

Ist lonelyfingers eigentlich der Versuch, den Entstehungsprozess der Werke, der ja für Nicht-Künstler schwer nachvollziehbar ist, greifbarer zu machen?

Diango: Wir möchten mit lonelyfingers den Künstlern einen neuen Kontext anbieten, in dem, wie Anne schon sagte, Resultate in den Hintergrund treten. Wir glauben, wenn man die finds versteht und die Geschichten, die dazu gehören, versteht man auch die Arbeit eines Künstlers im Allgemeinen besser. Wir haben also den Künstlern gesagt, dass sie sich keinen Druck machen sollen. Einige Objekte werden verkauft werden, andere nicht. Bei manchen Objekten möchten die Künstler auch gar nicht, dass sie zum Verkauf angeboten werden.

Teil 2 des Interviews gibt es hier.

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