Verloren im Chaos: „Alle im Wunderland“ in Oberhausen

| Foto: Birgit Hupfeld

Dies wird ein unglaublicher Abend“, prophezeit Schauspieler Sergej Lubic in seiner Rolle als Zeitpresser und Conferencier. Recht hat er. Denn dass, was sich in den kommenden neunzig Minuten auf der großen Bühne ereignet, lässt keine einheitliche Deutung zu.

Über eine Art Kinderspielplatz mit Treppchen, Hügelchen und einem Pflanzenpodest in der Mitte wuseln im ersten Teil des Abends diverse Gestalten: strickende Frauen, eine Gymnastikgruppe in Schmetterlingskostümen, Waffeln backende Rentner, ein Bautrupp werkelt an einem Mini-Gewächshaus. „Das ist eine Wunschmaschine“, lernen wir über das Requisit. Zwei weitere Schauspieler, Eike Weinreich als Könner und Anja Schweitzer als Medium, tragen Silberkostüme, damit sie in dem Chaos nicht völlig untergehen. Dann betritt Manja Kuhl als Neuzugang Brandy das Phantasialand, sie möchte sich einer Gemeinschaft anschließen. Ob sie schon mal von Alice im Wunderland gehört hat? Nein, hat sie nicht, aber der Zeitpresser klärt sie auf. Es folgen diverse Monologe mit immer wiederkehrenden Worthülsen, freie Assoziationen teils zum Alice-Stoff, teils zum Kapitalsystem oder der Schuldensituation in Oberhausen. Dann folgt eine Geschichte von einem glücklichen Fischer, der sich dem Wachstum verweigert. Und immer wieder wird das Publikum aufgefordert, hinter die Realität zu schauen. Aha. Das alles schwebt blutleer ins All und verpufft ziellos. Dazwischen immer wieder Songs mit Texten über die Stadt oder das Leben an sich, 80er-Jahre-Synthie-Pop, Zukunftsmusik von gestern.

Nach einem satirischen Rückgriff auf die Alicegeschichte („die Gerichtsszene“) geht es plötzlich wieder um die Wunscherfüllung einiger Bürger. Per Videokamera werden Einzelne in verschiedene Settings gebeamt. Ein Teilnehmer trainiert Rot-Weiß Oberhausen, eine Bürgerin macht einen Weltraumflug. Schorsch Kameruns Wunscherfüllungsmärchen erscheint als verworrene Performance mit diversen Längen und sinnfreien Ideen. Wunder gibt’s auch keine.

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