Urban Art in Düsseldorf: Jenseits der Klischees

Bei der Arbeit: Klaus Klinger

Links neben dem asiatischen Supermarkt verdichten sich die Zeichen. In einer Toreinfahrt schnuppert ein Hase an einer rosa Blüte. Weiter hinten wurden Affen mit Schusswaffen auf eine Mauer gepinselt. Im Hof parkt ein weißes Moped der Firma Schwalbe aus den 1970er Jahren. Auf dem Hinterteil des Zweirads der Schriftzug „Farbfieber“. Die Tür zum Atelier steht sperrangelweit offen.

Im Inneren der Halle nestelt Klaus Klinger an einer Kaffeemaschine, die ungefähr so alt ist wie das Schwalbe-Moped. „Ich versuche gerade Kaffee zu machen“, sagt er und lacht. Klinger lacht oft und ausgiebig. Das unterscheidet ihn von vielen Menschen, die seit den 1970er Jahren die gleichen Kämpfchen mit Autoritäten ausgefochten haben wie er und heute verbittert sind. 1973 kam Klinger von Essen nach Düsseldorf, um an der Kunstakademie zu studieren. „An der Akademie gab es damals noch unterschiedliche politische Gruppen“, erinnert sich der 59-Jährige, „Beuys hatten sie gerade rausgeworfen. Und Immendorff sah man nie ohne die Mao-Bibel unter dem Arm.“ Sein Professor, Gerhard Richter, passte da nicht so recht ins Bild, war er doch Verfechter von l’art pour l’art. „Für mich waren Kunst und Gesellschaft untrennbar verbunden“, so Klinger, „der Künstler hatte sich einzumischen.“

Genau das tat er selber dann auch. Schon während seines Studiums entdeckte Klinger die Wandmalerei für sich. Die erste Arbeit zierte ein Haus an der Grafenberger Allee. Wo heute der Sitz der Arbeitsagentur ist, standen damals besetzte Häuser. Auf einem davon entstand ein kleines Bild zur Pinochet-Diktatur in Chile. Etwa zur gleichen Zeit reiste Franz-Josef Strauß in das südamerikanische Land, um dem dortigen Alleinherrscher die Hand zu schütteln. Vier Tage später war das Wandbild verschwunden. Übermalt. „Das war der Auslöser“; sagt Klinger heute. Innerhalb von einem Jahr war die ganze Häuserzeile voll mit bunten Bildern. Die Wandmalgruppe Düsseldorf, aus der später Farbfieber hervorging, war geboren.

Künstler: Unbekannt

Heute finden sich 45 Farbfieber-Bilder auf Düsseldorfer Hauswänden. Die bekanntesten sind wohl „Auge“ und „Ohr“ am Hellweg. Das „Tor zu Flingern“ auf der Ackerstraße – inklusive Graf Mokka von Tonelli, Peter Kürten und dem zum Arbeitsamt umfunktionierten Dreischeiben-Haus. Und natürlich der bis auf ein Haus komplett bemalte Straßenzug auf der Kiefernstraße. Die gemalten und gesprühten Wandbilder sind nicht die einzige Erscheinungsform von Kunst im öffentlichen landeshauptstädtischen Raum. Verkehrsinseln werden nachts heimlich bepflanzt, Rohre und Laternenmasten erhalten ein buntes Kleid aus Strick. Stromkästen werden mit Stencils zu Freiluft-Galerien en miniature. Das Buch „Farbfieber – mural/streetart/urbanart“ gibt erstmals einen Überblick über all das. „Es soll Düsseldorf einmal von einer anderen Seite zu zeigen, jenseits des vorherrschenden Klischees.“

Ein Stück Jugendkultur

„Die Stadt und der institutionalisierte Kunstbetrieb sind völlig desinteressiert an Streetart“, sagt Klinger. „In New York, Paris oder Tokio gab es längst große Ausstellungen zum Thema.“ Hier habe man das Potential des Ganzen hingegen nicht erkannt. Städtische Flächen werden grundsätzlich nicht für Graffiti freigegeben. „Das ist auch den Jugendlichen gegenüber eine Unverschämtheit“, zürnt der Mann mit dem grauen, struppigen Haupthaar. Graffiti seien nun man ein Stück Jugendkultur: „Fast jeder männliche Jugendliche hat mit 14 schon mal eine Sprühdose in der Hand gehabt und sich ausprobiert.“

Klinger ist jetzt richtig in Fahrt. Er zündet sich eine Zigarette an. Rauchen lässt er sich nicht verbieten. Und sonst auch kaum was. Die Freiräume des einzelnen, so findet er, werden in Düsseldorf ohnehin immer weiter eingeschränkt. Die Prägung des öffentlichen Raums durch Konsum nehme ständig zu. Klinger und Kollegen möchten sich diese verlorenen Räume zurückerobern, teilhaben an der Gestaltung des Stadtraums. Als Stadt und Deutsche Bahn die Unterführung Ellerstraße nicht zur Verfügung stellen wollten, haben sie Farbe, Pinsel und Sprühdosen gepackt und einfach losgelegt. Ohne Genehmigung. „Das war eine bewusste Entscheidung“, so Klinger, „natürlich war das illegal.“

Im September wird es hingegen ganz legal zugehen. Unter dem Titel „40 Grad – Urban Art“ plant Farbfieber gemeinsam mit der Galerie Pretty Portal gerade ein zweiwöchiges Festival. In dessen Rahmen sollen 12 Wände in der Düsseldorfer Innenstadt gestaltet werden. Aber auch Filme, Projektionen, Tanz, Musik und ein Graffiti-Slam mit Jugendlichen sind angedacht. „Auf jeden Fall soll alles draußen stattfinden“, so der Farbfiebrige. Was die Temperaturen angeht, ist sein Atelier übrigens ein gutes Training für den Außenraum. Der Heizlüfter macht zwar reichlich Lärm. Aber kaum Wärme.

Farbfieber – mural/streetart/urbanart“, fiftyfifty edition düsseldorf, 18 Euro

farbfieber.de

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